Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. November 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. Nov. 55.
Mein geliebter Freund!
Es ist mir, als hätte ich Dir sehr lange nicht geschrieben, und da ist mir dieser stille Sonntag nachmittag sehr willkommen. Natürlich bin ich auch voll Verlangen zu hören, wie des Weiteren ärztlich über Dich bestimmt wurde, denn die Spezialisten-Rücksichtslosigkeit gegen das Gesamtbefinden war garnicht nach meinem Sinn. Aber man wird ja selbstverständlich die Einsicht haben, Dir nichts Übertriebenes zuzumuten. Der stete Wechsel in der Sehfähigkeit läßt doch wohl hoffen, daß vernünftige Schonung der Augen wieder das Gefühl größerer Sicherheit geben wird. —
Vor meinem Fenster ist auch die Sicht
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| sehr behindert. Mit stundenweiser Unterbrechung wälzt sich der Rheinnebel über Berg und Tal herein, und nichts ist von dem üblichen Sonntagsbetrieb zu spüren. Bald wird die Wand der Bäume vor den umliegenden Häusern ganz entblättert sein. Ob Du die grünen und gelben Reste Dir noch ansehen wirst? Ich wage vorerst noch nicht auf Deinen Besuch zu hoffen!? – Stattdessen steht morgen, Montag, der Besuch von Gretel Schwidtal bevor; das ist die jüngere Schwester, die ich besonders gern habe. Sie will mich im Heim aufsuchen, ihr Aufenthalt dauert von 10·53 bis 17·45, also eine bequeme Zeit und ich kann mit ihr auswärts zum Essen gehen. – Ich mußte deshalb eine
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| Verabredung mit Hanne Héraucourt absagen. – Am Mittwoch ist mal wieder Andacht und deshalb wird Hedwig M. am Donnerstag zu mir kommen, die mir immer sehr hilfreich mit Rat und Tat beisteht. Ich bin, wie Du weißt, sehr schwerfällig und ungeschickt geworden. Aber das Heizöfchen ist im Haus, wenn ich es auch noch nicht gebrauche.
Von dem sehr freundlichen Besuch des Dr. Drechsler (oder ist er Prof?) und seiner mir sympathischen Frau schrieb ich ja schon. Die vier herrlichen Chrysanthemen, die sie brachten, haben sich zu einer Pracht entfaltet, die garnicht in meine stille Klause paßt. Was weißt Du eigentlich über die Wirkung seines Buches?
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Daß Hermann im September zwei Wochen an Lungenentzündung krank war und mit 4 Penicilinspritzen davon kam, schrieb ich wohl? Jetzt überraschte er mich mit einer Karte aus – Nürnberg, wo er eine befreundete Familie besuchte. Vom 4. Nov. ab hätte er wieder Nachhilfestunden. — Aus meinem Plan, mal übers Wochenend zu Kohlers zu fahren, wird nun wohl nichts mehr werden. Sie hatten bisher andre Pläne. Ich hätte so gern mal Otto K. über "den Eigengeist der Volksschule" gesprochen, der muß sehr nach seinem Sinn sein. Ich habe mir das Büchlein immer wieder auch auf die Drucktypen hin angesehen und finde, daß sie ungewöhnlich derb sind und [über der Zeile] für die Schriftlinien [unter der Zeile] im Verhältnis zu große Zwischenräume läßt. So wirkt
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| das Gesamtbild nicht ruhig sondern grell. Ich hätte es ohne Kritik hingenommen, aber es erschien mir gleich als unfein. –
Ein, wie mir scheint, guter Artikel über das Existenzproblem in unsrer Zeitung hat mich interessiert im Zusammenhang mit den Forschungen von Schweitzer über die für seine [über "seine"] x Zeit angepaßten Änderungen der urchristlichen Lehre im Gegensatz zu den israelitischen Aposteln bei Paulus. [über "Paulus"] x Beweis der objektiven Wahrheit ist nicht zu erbringen, also müssen wir "diesen Glauben an das durch das Wunder des Geistes kommende Reich mit derselben Glut im Herzen tragen wie das Urchristentum seine Hoffnung auf die Erhebung der Welt in den übernatürlichen Zustand." Und dieses "kommende Reich" ist bei Schweitzer
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| Selbstopfer aus Nächstenliebe. –
Ich muß Dich um Entschuldigung bitten für vieles Verschreiben und daß ich manche Sätze recht sinnentstellend verbaut habe. Es ist solch angreifendes Wetter und mir tun die Augen sehr weh, das ist immer bei mir ein "mißliches" Gesamtsymptom. Ich werde früh schlafen gehen, wie das hier üblich ist, damit ich morgen für den Besuch frisch bin.
Möchte ich doch bald Gutes über Dein Befinden hören, das wirkt immer auch auf mich zurück.
Grüße an alle drei Diebinger und viel gute Wünsche für Befinden, Wetter und erfreuliche Besucher. Wie wars mit Louvaris?
In innigem Gedenken
Deine
Käthe.