Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. November 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. Nov. 55.
Mein geliebter Freund!
Nun sind schon wieder drei Tage vergangen, seit ich auf dem kahlen Bahnsteig zurückblieb. Ich hoffe, Du hast den gewünschten Anschluß in Stuttgart erreicht und bist nicht zu ermüdet nach Haus gekommen. Für mich stand gerade eine leere Elektrische vor dem Karlstor, die sich aber dann in der Hauptstraße lebhaft füllte, sodaß man sich zum Aussteigen "an der Märzgasse" durchdrängeln mußte.
Ich war so froh und dankbar, Dich zu sehen, nur war es garzu schnell vorbei. Ich hätte noch so viel zu fragen gehabt
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| und bin doch leider nie geistesgegenwärtig und gesammelt. Immerhin war mir doch der Gesamteindruck Deines Befindens beruhigender als ich gefürchtet hatte, und ich glaube, daß Du durch eine erprobte und zweckmäßig verteilte Schonung und möglichste innere Ruhe fühlbar günstig einwirken kannst. Auch gibt es doch noch außer den gelben Rüben noch Vitamine, die nützlicher sind als die aufregenden Medikamente. Ich verstehe und weiß selbst, wie lästig diese ewige Selbstbeobachtung ist, die womöglich in Hypochondrie ausartet. Aber davor kann man sich doch wohl mit Vernunft hüten. Und das hast Du wohl durch Deine ganze
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| bisherige erfolgreiche Lebensweise bewiesen.
Wenn ich nur etwas tun könnte, Dir diese neue Überwindung ein wenig zu erleichtern! Es war eine goldene Zeit für mich, wenn ich Dir in Tagen der Krankheit helfen konnte. Aber das ist ja jetzt nicht mehr möglich und nicht nötig. – Ich hoffe sehr, daß Susanne die Anstrengung des Lautlesens ohne Schädigung für ihren Hals bewältigt. Man lernt ja auch da durch Übung eine möglichst leichte Methode.
Du hast den Sonderdruck für Redslob nun doch hier liegen lassen, soll ich ihn gelegentlich mitschicken?x [li. Rand] x und wie kommen die Cigarren wieder in meien Kasten? taugen sie nichts? – Nach Deiner Abreise habe ich den Sonntag recht faul verbracht, und bin dann am Montag vormittags in das Heim in der Landfriedstraße gegangen, wo ich bei Frl. Seidel unter der Hand erfuhr, um
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| welches Zimmer es sich dort gehandelt hätte. Dies wäre aber für mich nicht in Frage gekommen: ohne Sonne, Fenster verbaut. Also konnte ich nachmittags Herrn Stadtmissionar Guther? mit umso besserem Gewissen sagen, daß ich mit Deiner Einwilligung die Sache mit dem Umbau an mich herankommen lassen wolle. Er war durchaus verständnisvoll. — Abends war dann noch Hanne Héraucourt bei mir, der ich Deine Erwiderung der Grüße ausrichten konnte. Jetzt steht nun zunächst mal keine Verabredung bevor und ich hoffe, manches liegengebliebene Vorhaben aufzuarbeiten. – Ich konnte bereits einen Schreiner in der Nachbarschaft aufsuchen, der den netten kleinen Hocker gut geleimt hat. Er kam gestern abend auch
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| noch mit seinem Leimtopf und machte am Sopha das Bein wieder fest, das schon in der Peterstraße von dem dortigen Herrn Viktor nur "besehen" wurde und von dem ich mir das abgebrochne Stück wieder abforderte. Dieser hiesige Handwerker macht einen so tüchtigen Eindruck, daß man sich an die gute, alte Zeit erinnert fühlt.
Heut war der Himmel von früh an trübe und ich ging nicht aus. Aber gestern habe ich zwischen 17 u. 18 Uhr wieder den hübschen Weg durch die "fremde Altstadt" von der bekannten Ecke an der neue Schloßstraße abwärts gemacht. Aber die Stimmung war nicht so reizvoll wie zum erstenmal.
Im ganzen aber hat Dein lieber Besuch eine Art Beruhigung für mich gebracht, denn ich
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| glaube, daß wir den Anforderungen des Schicksals weiter standhalten wollen, alle beide, und daß ich von ganzem Herzen mit Dir trage, wenn es auch Dir nichts abnehmen kann. — Deine freundliche Verabschiedung von der Schwester hat die angenehmste Wirkung für mich gehabt, und ich wünsche nur, sie möchte vorhalten.
Und nun verzeih manchen Mangel an Schrift und Sauberkeit, und sieh auf die Liebe, die zwischen den Zeilen steht! Grüße Susanne und Ida herzlich und sei selbst innig gegrüßt in stetem Gedenken von
Deiner
Käthe,
die Dir nochmal extra dankt für Dein Kommen, das so sehr ersehnt war.
[li. Rand] Herr Buttmi ist Rektor an der Rohrbacher Volksschule.