Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25./26. November 1955 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 25.XI.55.
Mein geliebter Freund!
Nach recht dunklen Tagen kam Dein lieber Brief mit überwiegend guten Nachrichten und lichtete das Gemüt mal wieder auf. Er gab mir das tröstliche Gefühl, daß sich die Folgen der "Schickungen" wie so oft auch diesmal wieder als nicht garso düster erweisen, als wie es zu Anfang erschien. Du redest mir so gut zu, nicht zu zagen und ich bin doch, seit der Entschluß des Abwartens gefaßt war, völlig beruhigt über die Entwicklung der Wohnungsfrage – aber Du sprichst für Dich selbst davon, nur mit Zagen auf die Ansprüche einzugehen, die man an Dein erprobtes Urteil in dieser verworrenen Zeit stellt. Und da bin ich so
[2]
| völlig sicher, daß Deine so schmerzlich empfundene "Altersbehinderung der Augen" nicht das Mindeste mit der Klarheit Deines geistigen Blickes zu tun hat, wenn auch die Orientierung durch Schrift und Druck erschwert ist. Aber es ist ein schweres Umgewöhnen – und auch wieder eine neue Seite des Lebens. Macht es Dich nicht vielleicht innerlich etwas frei von der Rastlosigkeit die Dich jede Stunde fern vom Schreibtisch als eine Pflichtversäumnis empfinden läßt? Das Leben macht uns doch nicht ärmer, wenn es uns etwas zumutet. Ich fühle schon seit unserm letzten Beisammensein wie Du auf dem neuen Boden größere Sicherheit gewonnen hast!

26.XI. Das stille Klosterleben hier bietet auch mir immer wieder Überraschungen.
[3]
|
Da kam aus Minden ein Brief von der Frau meines Vetters Hans, der mir sagt, daß schon seit Jahren schwerste Differenzen zwischen den Brüdern bestehen und daß Walter seit gut zwei Jahren nicht mehr bei ihnen war, und der Meinung sei, sie hätten ihm sein mütterliches Erbe vorenthalten! Die Möbel standen seit dem Tode der Mutter in Kassel auf dem Speicher, natürlich bei hoher Miete, aber Walter wich immer der Auflösung aus, und meint jetzt nachdem der Speicher zerbombt ist, es wären noch gerettete Wertsachen bei Hans und Friedel. Wie trostlos ist doch die geistige Verfassung von diesem Walter. Du kennst ja seine immer streitsüchtige Natur, aber ich habe immer geglaubt, es wäre mehr eine Freude, geradezu Behauptungen klug zu verteidigen. Er ist ein erblich sehr belasteter Mensch: zwei Schwestern der Mutter im Irrenhaus gestorben.
[4]
|
Dagegen war mir der Brief von Buttmi eine wirkliche Freude. Aber wird er die Energie behalten, die jetzt seine Reformpläne geweckt hat?
Auch bei mir kommen meist die Besucher zusammen! So waren gleichzeitig Lotte R. und Frl. Specht hier, welch Letztere lange krank war. Sie ließ sich erzählen, wie ich jetzt eingewöhnt sei, und als ich das als ziemlich gelungen bestätigte, und etwas zögernd fortfahren wollte, ergänzte sie – "und habe die Umgebung an mich gewöhnt". Diese vielsagende und doch schonende Ausdrucksweise ist ungemein charakteristisch für dieses kluge und gütige Menschenkind, die es mir s. Z. beim ersten Sehen angetan hat. Solch kleinen Erlebnisse wecken dann ganze Ketten von Erinnerungen.
Deine Erwähnung von der Operation der
[5]
| Marianne? weckt auch immer das Bild des freundlich lächelnden Mädchens an Eurem Tisch in Dahlem und gleich auch die Frage, warum wagte sie, die angeblich Glücklichverheiratete, diesen ungewissen Schritt? War ihr Leben doch dauernd geschädigt durch das schlechte Gehör? War es nicht trotzdem erfüllt? — Da gehen die Gedanken jetzt naturgemäß weiter zu den Unzähligen, die jetzt wieder in enttäuschter Hoffnung trauern. Wenn sie doch wenigstens eine gesicherte Todesnachricht bekämen! Ich weiß, was das heißt. –
Damit die Unvollkommenheit alles Irdischen nicht etwa völlig entschwände, hat sich Frau Frobenius wieder gemeldet. Ich sollte am Sonntag zu einem Damenkaffee hinkommen, habe aber glatt abgesagt. Sie will
[6]
| nun am Dienstag d. 6.XII. zu mir kommen. Hoffentlich hat sie nicht wieder irgend ein Anliegen, das ich abwehren muß.
Um nicht immer abzulehnen, bin ich am Donnerstag mit Hanne Héraucourt bei Frau Buttmi gewesen. Aber damit habe ich mal wieder für lange Zeit meine Pflicht getan!
Da habe ich umso mehr Freude an dem so angenehm verlaufenen Besuch von Louvaris bei Dir und ganz in der Stille freue ich mich immer wieder auf Deinen in Aussicht gestellten Besuch. Laß mich nur dann rechtzeitig den Tag wissen, damit ich jede Störung fern halten kann.
– 6 Uhr abends. Da kam mir richtig wieder ein Besuch dazwischenx [li. Rand] x Frl. Seidel. und ich will jetzt nur rasch den Brief nach drüben in den Kasten bringen, damit er doch Montag früh zu Dir kommt. Recht herzliche Grüße allerseits und viele gute Wünsche für Dich besonders.
Fortsetzung baldigst! Von Herzen
Deine Käthe.