Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3./4. Dezember 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3.XII.55.
ab 19 Uhr.
Mein geliebter Freund!
Also heut geht der Vortrag vor sich, von dem Du am 22.XI. schriebst, vermutlich abends, und in Tübingen. Ich denke mir gern, daß nun bald der Zeitpunkt ist, an dem Du Dir recht befriedigt die Cigarre ansteckst, (wie auf dem Bild vor mir) und Du fühlst mal wieder, daß "Zagen" nicht nötig war!
Aber es ist wirklich ein ausgeprägt neues Gebiet, in das man Dich da wieder gerufen hat wie s. Z. am 12. Sept. 51. Ich habe mich erst etwas zu dem Gedanken umstellen müssen, denn ich stand noch etwas unter der Wirkung der Klinikzeit und Du erwähntest sie auch wieder unter den Vorhaben der nächsten Wochen. Gibt man Dir da immer noch Verordnungen?
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| Ist es immer noch so wechselnd mit dem Befinden der Augen? Und gibt es Ratschläge für die Schonung? Aber ich glaube, da hilft sich jeder am besten durch Erfahrung! Ein "Zagen" besteht bei mir nur in den Bedenken, ob die notwendige Arbeit sich ohne Schädigung der Augen technisch durchführen läßt? Sonst ist in mir das ganz entschiedene Gefühl, daß sich in der gegenwärtigen Zeit sich niemand einer solchen Aufgabe entziehen darf, der berufen ist, klärend und gesinnungsmäßig zu wirken.
Heute kommt nun Deine liebe Karte mit der Meldung einer beabsichtigten Besuchspause hier für den 10.XII. – Selbstverständlich werde ich jede beliebige Stunde für Dich zur Verfügung stehen, wenn ich nur beizeiten
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| andere Besucher fernhalten kann. Denn es ist Dir ja bekannt, daß nach langen Pausen immer gleich mehrere kommen! Aber wenn ich weiß, daß Du möglicherweise kommst, bin ich unbedingt für andre "verhindert".
Augenblicklich war hier für mich niemand da als Lotte Reinhard. Zum 63. Geburtstag gratulierte ich heute Hedwig Mathy im voraus, da ich Familienkaffees morgen nicht liebe. Sie ist noch immer mit starkem Katarrh behaftet, wird aber in der nächsten Woche mal herkommen. – Und sonst –? sind immer unerledigte Briefe, die ich so gern mal los wäre aber ich bin oft so unfähig, daß ich ganz entschieden auch eine "mangelnde Durchblutung", aber im Gehirn! habe.

Am 2. Advent – Nach vielen recht dunklen Tagen ist der Himmel heut freundlich. Möge er es auch bei Euch sein und Dir die Möglichkeit
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| geben zu einem Weg ins Freie. Die Wendung zur Verträglichkeit im Bundestag war für meinen geringen politischen Verstand überraschend und wohltuend. Vielleicht hat da das üble Beispiel der westlichen Nachbarschaft günstig gewirkt?
Und im übrigen wird die Aussicht Dich zu sehen mir diese letzte dunkle Periode des Jahres licht machen, mehr noch als das liebe Weihnachtsfest, das mir immer mehr die Möglichkeit nimmt, andern Freude zu machen.
Möchten die Tage in Bonn zu Deiner Zufriedenheit verlaufen und ich Dich am 10.XII. am neuen Bahnhof (an der Sperre) gesund empfangen!
Die Grüße von Susanne und Ida erwidere ich herzlich und bin in herzlicher Vorfreude Deines Kommens immer
Deine
Käthe.