Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. Dezember 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg, 11.XII.55.
Mein geliebter Freund!
Ich muß Dir doch noch einmal herzlich danken, daß Du trotz all der überraschenden Hindernisse doch gekommen bist! Und wir müssen eigentlich sagen, es ist trotzdem recht gut verlaufen! Wenn ich dann erst noch erfahren werde, daß Du die unnötig lange Reise von hier gut und pünktlich überstanden hast, wird die Erinnerung für mich ungetrübt sein. – Heut ist der Himmel wieder grau, der Westwind ließ mich schon im Bett das Schnauben der anfahrenden Lokomotive vom neuen Bahnhof hören, und alle Dächer spiegeln vor Nässe! — Der Kaffee, den ich auf Deinen Rat kochte, mißriet ziemlich, weil
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| er zu dünn wurde, aber nach einer kurzen Ruhepause vertiefte ich mich in Deinen Aufsatz in der Stuttgarter Zeitung. Es ist schade, daß ich ihn nicht vor Deinem Kommen lesen und mit Dir davon sprechen konnte. Wie sehr hoffe ich, daß diese ernste Mahnung von den Landräten voll verstanden und beherzigt wurde. Du hast mir schon vor vielen Jahren geschrieben, die Erneuerung könne nur aus dem Zusammenschluß kleiner Kreise kommen, nicht aus Organisationen und Reformplänen. So hoffe ich, soll auch Deine Wirkung in dem neuen Arbeitskreis, der sich Dir bietet, eine stille Einsicht wecken, daß jeder Einzelne durch seine geläuterte Gesinnung und nicht durch
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| schriftliche Verordnungen Einfluß auf andere hat. Von mancher Seite begegnet man jetzt solcher Forderung. Aber die persönliche Wirkung ist nicht jedem gegeben, aber davon wirst Du mancherlei Echo spüren. – Beim Lesen von Wenke's Urteil über die Pläne der Lehrer-Bildung mußte ich denken, er scheint jetzt ein Verwaltungsmensch geworden zu sein. –
Gestern ging ich noch gegen abend zur Photografin in der Nähe, um Abzüge von alten Familien-Bildern zu holen, von denen ich die Negative besitze. Da war ich wirklich erfreut, wie gut die Bilder geworden sind. Es sind doch jetzt allerlei Verwandte, die daran Interesse haben.
Meine Zimmernachbarin, die mit dem Radio, hat ein sehr geschwollenes Auge, das gestern geschnitten war. Sie ist dabei recht
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| unvernünftig und macht immer den Verband ab, um es zu zeigen. Ich habe sie ein halbes Stündchen unterhalten und zwar hat sie ein Buch über Schweitzer von Krik mit vielen Bildern, in dem sie trotz des entzündeten Auges liest. Es ist interessant, in wie viel Formen eben Schweitzer im Buchhandel verbreitet wird. Es ist wie eine Mode – oder ein Hilfesuchen?
Hoffentlich fandest Du zu Haus alle wohl, und nicht zu viel lästige Post. Möge das Seminar Dir entsprechende Freude machen und möglichst angenehme Besuche kommen. Ich erwarte eben Renate Klauser mit dem gedeckten Kaffeetisch.
Sei innig gegrüßt und bestelle auch herzliche Grüße von
Deiner
dankbaren Käthe.