Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. Dezember 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18.XII.55.
Mein geliebter Freund!
Am letzten Adventssonntag will ich Dir gern noch vor dem Fest einen recht herzlichen Gruß schicken! Du weißt ja auch ohnedies, daß täglich meine Gedanken nach Tübingen wandern, aber schließlich kann man doch nicht wissen, wieviel davon ohne Papier ankommt! Draußen ist die Welt trübe, dann und wann entlädt sich eine regennasse Schneewolke und der Verkehr ist schwach. Bei solchem Wetter denke ich natürlich, ob Du wohl vermeiden kannst auszugehen? Ob die Welt auch nicht lästige Ansprüche an Dich macht? An Deine
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| Durchreise hier denke ich mit dankbarer Freude, daß trotz aller Hindernisse doch noch ein gutes Zusammensein möglich wurde. Nur die Kälte auf dem zugigen Bahnsteig beunruhigte mich um Deinetwillen – (ich bin so abgehärtet, daß ich vorläufig noch keinen Gebrauch von dem Strahlöfchen machte) – und noch etwas anderes liegt mir auf dem Herzen, daß Du sagtest: Knochenbrüche heilen, aber meine Augen können nur schlechter werden! Wenn das wirklich so ist, so glaube ich doch, daß Du auch diese Fügung zum Segen gestaltest. Es kam nur so plötzlich und unvermutet. Aber müssen wir doch alle lernen, alt zu werden! Du wirst ganz gewiß auch an dieser harten Wendung
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| des Lebens Deine Kraft zu echter Wertgestaltung bewähren. Der "kategorische Imperativ" Deines Pflichtgefühls wird sich gewöhnen müssen, etwas Rücksicht zu nehmen auf die physische Kraft des Ich!
Nun geht ja bald der Sonnenbogen wieder höher, auch an der Ebert-Anlage. Es ist zu hoffen, daß das Licht wieder zunimmt, denn es ist überall viel Mißbefinden. Auch Mädi schrieb von Herzbeschwerden und hier krächzt ziemlich die ganze Bekanntschaft. Heut aber kam eine beruhigende Karte von Mädi, die eigentlich in der Hauptsache an Depressionen ihres Mannes litt, der einen erwarteten Lehrerfolg vermißte. Heut kommt nun eine liebe Karte von Mädi, daß sich die Wolken wieder etwas gelichtet haben. Da fällt mir natürlich Deine Rede für die
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| Landräte ein, mit der ich mich oft abends in Ruhe beschäftigte. Es ist mir alles so aus dem Herzen gesprochen und es ist doch die höchste Zeit, daß Deine Worte in dieser Zeit der Wende gehört und befolgt werden, aber die Gesinnung des après nous le déluge erscheint ungeheuer! Aber es heißt ja: "fürchte Dich nicht, glaube nur". Immer wieder klingt in mir nach, daß Du schon vor langer Zeit sagtest, aus kleinem Kreise nur könne die Erneuerung kommen. Und das verpflichtet jeden Einzelnen. Darum bin auch ich bemüht!
Heut aber will ich die Regenpause benutzen und diesen Gruß und eine Karte für Hermann zur Post bringen. Das ist dann mein Spaziergang.
Susanne und Ida grüße herzlich.
Immer in treuer Liebe
Deine
Käthe.