Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. Dezember 1955 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21.XII.55.
Mein geliebter Freund!
Ob diese Zeilen noch zum 24. in Tübingen sein werden? Ich hoffe es, denn ob das kleine Packet, das gestern abging, noch rechtzeitig eintrifft, kann man nicht wissen. Es ist mehr als bescheiden, aber es ist mit viel Liebe und großem Umstand gepackt. So ist das jetzt mit allem bei mir! "Es langt nicht mehr"– – Aber ich wäre so froh, wenn Du trotzdem Freude daran hättest!
Im Gegensatz zu meiner Unzulänglichkeit häufen sich die Liebesgaben bei mir und ich bin umso beschämter. Hier kamen von den Freunden schon Frl. Ingold, Elsbeth Gunzert-Wille, meine frühere Monatsfrau aus Rohrbach, die ich besonders gern hatte: Frau Petri mit selbstgebacknem Weihnachtsgutesel und Äpfeln – von auswärts
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| kam ein Päckchen von Mädi mit einem selbstgestrickten Shawl, rührend von der vielbeschäftigten Hausfrau. Die Frau von Heinrich Eggert schickte, wie er früher treulich alle Jahre, Schokolade und einen herzlichen Brief. Und dann kam, sehr überraschend ein Päckchen von Walther, der Inhalt im Auftrage von den Schwestern Schwidtal und dabei von ihm die Nachricht, die ihn offenbar sehr bewegte, daß die ältere von beiden ganz plötzlich gestorben ist. Das geht mir natürlich auch nahe, und ist ein schmerzlicher Kontrast zu der augenblicklichen Allgemeinstimmung, die das Haus und die Straßen belebt. In der Stille haben wir ja auch ernste Gedanken genug in diesen trüben Wintertagen, die einen nicht über so viele berechtigte Sorgen hinweg helfen, persönliche
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| und allgemeine. Daß Dir diese düstere Jahreszeit immer sehr drückend ist, weiß ich gut. Wenn Du doch einen Weg fändest, die Last der schriftlichen Verpflichtungen irgendwie zu erleichtern! Und vor allem ist es mein dringender Wunsch, daß Du die Versuche mit der Behandlung von Harms nicht auf Kosten des Gesamtbefindens fortsetzt, wenn Du so bestimmt fühlst, daß das Mittel keine Heilung bringt.
Möge das neue Jahr mit neuer Hoffnung anfangen! Mit den innigsten Wünschen für Dich werde ich es, wie immer, beginnen. Ob sie Kraft haben, Dir zu helfen? Gibt es nicht ein Fluten der geistigen Kräfte über alle Begriffe hinaus? Laß es mich glauben, "in der Gewißheit, die kein Wissen ist"!
Heut muß ich aufhören zu schreiben, denn es ist schon recht spät. Die nächsten Tage werden noch von Briefpflichten und sonstiger Unruhe
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| erfüllt sein. Am 23, um 3 Uhr ist die Weihnachtsfeier hier im Haus. Es ist so lieb von Dir, mich an die Geschenke für Schwester Maria und Frau Henny zu mahnen. Ich hatte mich schon zu erkundigen versucht, mich aber dann an die Schwester selbst gewendet und sie sprach sich für ein Buch aus. "Vielleicht hätte ich eins"? Da werde ich ihr "Frau Pauline Brater" von Agnes Sapper geben, das Tante Thes sehr gern hatte, und dazu die nette kleine Schweitzer Biographie von Rienhard Kik. Beides eventuell zum Umtausch, da ich ja ihren Geschmack garnicht kenne. Ich möchte ihr womöglich doch Freude machen.
Morgen wird mich Hanna Héraucourt besuchen und anschließend Lotte Reinhard. Am 2. Feiertag soll ich zu Franzens kommen, Kaffee und Abend, die Tochter Gretel wird mich nach Haus bringen. Und so werde ich verwöhnt von allen Seiten, am allermeisten aber immer von Dir.
<li. Rand> Das Glück Deiner Freundschaft wird mir aus allen Weihnachtslichtern <li. Rand S. 3> strahlen, und mein Herz ist voll Dank und Liebe für Dich.
<li. Rand S. 2> Viele Grüße und herzliches Gedanken für Susanne und auch Ida.
<li. Rand S. 1>
Frohe Weihnachten trotz allem!
Deine Käthe.