Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Januar 1956 (Tübingen)


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Tübingen, den 23.I.56.
Meine geliebte Freundin!
Es ist jetzt so weit, daß ich Dir den Termin meines nächsten Besuches ungefähr angeben kann, wofern die Götter es zulassen. Ich hoffe, am Sonntag, 5.II. Vorm. bei Dir antreten zu können. Sollte ich schon am Samstag 4.II. 13.26 von Bonn fortkommen, was wenig wahrscheinlich ist, so käme ich an diesem Tag um 18. Uhr schon auf ein Stündchen, und Sonntag um 10 dann wieder.
Mit den Augen ist es recht schlecht gegangen. Sie sind, besonders das linke, schon seit 14 Tagen auch äußerlich
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| entzündet, was sehr lästig ist. Harms fragte, ob ich Primeln im Hause hätte. Die Augenlider anzusehen, hatte er keine Zeit. Diese ganze Verbindung erwies sich doch für die Behandlung, bzw. Milderung, des Leidens als ungeeignet. Ich muß bald auf etwas anderes bedacht sein. Aber immer nach Eßlingen zu fahren (= 1 Stunde mit dem schnellen Zug) ist auch nicht angenehm. 10 Tage lang habe ich von einem Mittel, das Harms verschrieben hatte, je 1 Tablette genommen. Ob mein Verdacht, daß die Entzündung daher stammt, richtig ist, kann ich natürlich nicht beurteilen. Aber auch nur die leichteste Verbesserung des Sehens ist ausgeblieben.
Wir hatten gestern Mittag Besuch
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| vom Herrn Senator, und nachm. vom Ehepaar Bähr. Seine Mutter hatte Lungenentzündung. Da sind nun Nebenwirkungen vom Penicillin übrig geblieben. Sie soll noch einmal hier auf das Tropengenesungsheim zur Nachkur kommen. Bähr selbst kann vielleicht mit mir nach Bonn fahren.
Mein Vetter mütterlicherseits, Otto Verse, ist seinem vor kurzem gestorbenem älteren Bruder mit 76 Jahren gefolgt. Heute kam die Todesnachricht der Mutter v. Frau von Holzhausen, Frau v. Zülow, mit etwa 88 Jahren. Frau Biermann hatte brieflich schon darauf hingedeutet.
Klimatisch ist dieser Winter mild, aber wenig nervenfreundlich. Frau Tierok (bei der wir einen Rundfunkvortrag hörten) ist krank, Ida geht es nicht gut, Susanne wird ein Krächzen nicht los. Ich
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| bin, bei vorsichtiger Lebensführung, zufrieden, bis auf die Augen. Wir waren einmal zur Abwechslung in Hechingen. Sehr bedrückt mich aber, daß ich den Tag nicht mehr voll für eigentliche Tätigkeit ausnützen kann. Vorige Woche habe ich hier wieder einen Rundfunkvortrag ("Ehrfurcht") auf Band gesprochen.
Wir haben sehr viele Einladungspflichten abzuwickeln. Außer dieser Art von "Repräsentation" ist nicht viel übrig geblieben. Der neue Rektor der Universität heißt Schindewolf. Nimm noch Schadewaldt hinzu, dann hast Du eine Vorstellung von Humanität.
Neujahrsbriefe soll man mit Ansichtskarten beantworten. Niemand kann von Dir mehr beanspruchen. Wenn es nicht zu kalt und windig ist, vielleicht täglich 20 Minuten, um die Beweglichkeit zu erhalten – durch die Märzgasse zum Neckar und zurück. Hauptpflicht <li. Rand> ist Anstrengungen zu vermeiden und Erkältungen aus dem Wege zu gehen. Alle grüßen herzlich. Innigst Dein Eduard
[re. Rand] Jetzt laden mich die Heidelberger immer zu Vorträgen ein.
26.III in geschlossenem Kreise habe ich zu<Kopf>gesagt.