Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1956 (Tübingen)


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Tübingen, den 23.II.56.
Meine geliebte Freundin!
Im Geiste unserer fast 53jährigen Verbundenheit grüße ich Dich herzlich zu Deinem Geburtstag. In späteren Jahren hat ein solches Fest die Bedeutung eines Ganges durch eine Bildergalerie: Was man gemeinsam erlebt hat, meldet sich in der Erinnerung, und wenn dabei Gutes und Schweres sich mischen, so ist, was man dabei erblickt, eben "das Leben." Manches ist schon nur noch ein "ferner Klang". Aber alles ist in unser beider Wesen aufgenommen und bleibt in uns unzerstörbar. Daran denke ich heute.
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Die Feier des Tages wirst du hoffentlich so gestalten können, daß sie nur erfreulich und nicht anstrengend wird. Manchen hält – zum Heile – die Kälte fern. Allerdings scheint sie endlich im Abzug. Wir haben im Augenblick nur –3°. Bei Euch scheint viel mehr Schnee gefallen zu sein als bei uns.
In dem Päckchen, das zu früh kommt, um nicht zu spät zu kommen, findest Du nur lauter Kleinigkeiten. U. a. eine harmlose humoristische Erzählung, und etwas von mir, was nicht harmlos war und auch jetzt noch nicht harmlos genommen werden sollte. Leider muß man schon wieder sagen: der Staat wird zum
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| Spielgegenstand.
In meinem vorigen Brief stand ein falsches Datum. Der Vortrag in Heidelberg ist am 23.III, also einem Freitag. Ich kann noch nicht sagen, ob wir am Tage vorher oder am Tage nachher in Heidelberg bleiben werden. Bis dahin ist noch allerhand zu tun; u. a. ist am 12. März ein Vortrag für Volksbibliothekare zu halten.
Heute habe ich mein kleines Seminar geschlossen. Es hat mir wenig Freude gemacht. Denn es bewies nur, daß sich die akademische Pädagogik heute in einem kläglicheren Zustande befindet als 1909/11, wo ich anfing. Die Vergänglichkeit der irdischen Dinge wird deutlich illustriert.
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Die Methode des Vorlesens ist für beide Teile recht anstrengend. Ich bin wieder in der Rolle des Studenten, der Stichworte aus Vorlesungen sinngemäß mitschreiben muß. Dazu ist ein strenges Mitdenken erforderlich.
Gestern habe ich Harms die (erwünschten) Schriften von mir (11 Stück) und nicht erwünschte, aber angemessene 500 M gebracht; letztere zur beliebigen Verfügung. Es kommen jetzt auch noch ein paar Sitzungen, vielleicht auch noch ein Seminarkaffee; dann ist dieses späte Semester abgetan.
Nun kehre ich noch einmal zum Geburtstag zurück: genieße das Erfreuliche, trage geduldig das Abscheuliche, und sei gewiß, daß Dich am 25.II. die treuesten Gedanken von hier umschweben werden! Die übliche Bitte um Vorsicht bezieht sich nun auf etwa eintretendes Tauwetter mit Glatteis und Temperaturkontrasten. Innigst Dein Eduard