Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. April 1956 (Badenweiler)


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Badenweiler, den 18. April 56.
Meine geliebte Freundin!
Wer im April auf Reisen geht, muß auf allerhand gefaßt sein. Vgl. Regensburg, Passau, Tegernsee. Aber daß wir noch einmal in einer vollen Weihnachtslandschaft sitzen würden, hatte ich doch nicht gedacht. Am Sonntag haben wir von einer Waldhütte aus Gewisser [über der Zeile] Gewitter über der Rheinebene beobachtet. Am Montag Nachm. fing der Regen an, der gestern in Schnee überging. Jetzt, am Mittwoch um 11 Uhr, ist noch keine Spur von Besserung zu bemerken. Bäume und Blumen sind mit dickem Schnee bedeckt. Gestern Nachm. 2° Celsius.
Ein Stoiker würde auch das tragen. Nur kostet das Zusehen vom Zimmer aus hier täglich mindestens 50 M. Das ist ein bißchen viel für Naßwerden und Frieren. Verkehr haben wir hier nicht, abgesehen von gelegentlichen Gesprächen mit einem jüngeren Kollegen (Kunsthistoriker) aus Saarbrücken, früher Berlin Dahlem, Schüler von Pinder.
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Wir bleiben vertragsgemäß bis Samstag früh hier und hoffen, um 19 Uhr in Tübingen zu sein (via Freiburg, Hinterzarten, Titisee .....) Dann sind noch 2 Tage zur Einstellung auf den Festakt am 24.IV Wir werden uns wohl ein Auto nach Stuttgart nehmen müssen. Denn das Übernachten dort ist ebenso teuer.
Der verstorbene Poppen hat mich einmal in Tübingen besucht, in einer wenig angenehmen Sache, wofür weder er noch ich konnten.
Ich denke viel mit guten Wünschen an Frl. Héraucourt. Sie wird sich ja wieder durchkämpfen. Aber einen anstrengenden Beruf wird sie schwerlich wieder ausüben können. – Der Onkel Willi Conrad ist vor wenigen Tagen 89 Jahre alt geworden. – Die Stimmung in Kronberg und bei uns hinsichtlich der lieben Christiane ist z. Z. etwas herabgedrückt, weil sie recht gründlich und dumm gemogelt hat. Aber das haben
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| wir in dem Alter wohl alle getan. (?) Frau Biermanns Enkelin Monica hat nicht einmal die Aufnahmeprüfung für die Mittelschule bestanden. Ihr Vater (d. h. der der Monica) ist krank. Ernst Meister (in Essen, Mann der ohne Erfolg operierten Marianne) ist auch krank und soll verschickt werden. Rudger Heß geht es schlecht – es ist nirgendwo mehr etwas los.
Trotz mehrtägigen Nachdenkens ist mir nicht klar geworden, weshalb man zu dem Verteilungsplan ein Winkelmaß braucht. Geht das nicht auch mit einfachem Zentimetermaß? Die Möbel sind doch alle rechtwicklig. Für Belehrung wäre ich dankbar.
Die Darmstädter Akademie ist eine Art Ersatz für die Nazi-Dichterakademie. Natürlich hat sie keine Tradition. Bisherige Ehrenmitglieder sind Heuß, Thomas Mann, Alfred Weber und Storz (ein tüchtiger Gymnasialdirektor in Schwäbisch-Hall.)
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Die Tochter von Beck hat mir (nach langem Abwarten) geschrieben und um nähere Auskunft über die Beisetzungsstelle gebeten. Die habe ich auf Grund dessen, was ich s. Z. von Hans Honig gehört habe, von hier ausgegeben.
Zuschriften über die Wiederholung des "Umgangs mit Menschen" waren z. T. sehr nett.
Jeder trägt seine Last. Für mich ist es am schwersten, daß ich keine Last mehr tragen kann, sondern einen großen Teil des Tages buchstäblich verplempere. Die leere Zeit wird dann durch Vorstellungen darüber ausgefüllt, was wird, wenn der Prozeß an den Augen so weitergeht.
Aber machen wir uns das Herz leichter! Es ist ja schon etwas, wenn Du ein ausreichend geheiztes Zimmer hast und bei Euch kein Schnee liegt. Unter solchen Umständen hat das Reisen nur den Sinn, daß man eine Zeitlang nicht an Termine gebunden ist.
Susanne grüßt herzlich. Mit vielen guten Wünschen innigst Dein
Eduard