Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. April 1956 (Tübingen)


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Tübingen, den 27.IV.56.
(Riehls 112. Geburtstag.)
Meine geliebte Freundin!
Es ist heute eine ganze Menge zu erzählen. Vorher aber möchte ich Dir für Deinen lieben Brief danken, der gestern mit der Morgenpost hier eintraf, als ich in Eßlingen beim Augenarzt war. Den Weg nach der Post solltest Du nur bei sehr einladendem Wetter machen!
Wir sind am Sonntag 22.IV. abends hier eingetroffen. Am Montag wurde die aufgelaufene Post notdürftig reguliert. Am Dienstag fuhren wir um 8 früh hier ab und kamen rechtzeitig an den wiederaufgerichteten Bau des Gustav Sieglesaales. Das ist derselbe Ort, an dem wir gemeinsam meine größte Vortragspleite er
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|lebt haben: 1922, mit 50 Hörern in dem 2000 Menschen fassenden Hauptsaal. Diesmal war der kleine Saal gewählt. In ihm fanden wir außer den zugereisten Mitgliedern der Deutschen Akademie f. Spr. u. Dichtung den Kultusminister, den früheren preuß. Minister Grimme, den frz. Kulturbeauftragter u. guten Freund Thieberger, den Tübinger Rektor etc. etc. Die Überreichung der Ehrenurkunde stand ganz am Anfang. Zur Erwiderung waren mir nur 5–10 Minuten eingeräumt. Ich habe 6 Minuten gesprochen und dabei anscheinend die richtige Form gefunden. Denn der Erfolg meiner Worte, die humoristisch anfingen und ernst endeten, war sehr stark. In der Süddeutschen Zeitung [über der Zeile] 26.IV hat das Akademiemitglied Süskind eine der reizendsten und freundlichsten Charakteristiken [über der Zeile] von mir gegeben,
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| die ich je in einer Zeitung gefunden habe. (Ansichtssendung später.)
Nach der Hauptrede von Snell und einer Diskussion, an der sich auch 2 Mitglieder der Parteienrechtskommission: Stelze[über der Zeile] rnberger und Bergsträßer, beteiligten, wurden wir in einen Omnibus verladen und an den neuen Fernsehturm im Walde gefahren. Der Rundfunkintendant gab dort der Akademie im Restaurant 150 m hoch ein Essen. Besondre Sicht war leider nicht. Da oben sah ich den alten Baron v. Bernus wieder, dem früher das Stift Neuburg gehört hat und bei dem ich vor fast 30 Jahren in Frankfurt Gast war. An unserem Tisch saßen Carl Friedrich v. Weizsäcker, Snell (Hamburg) und der Beauftragte für den Pour le mérite im B.d.I. Ministerialdirektor Hübinger.
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Ich habe dann noch an der Nachmittagssitzung der Akademie teilgenommen, während Susanne die Damen LampertPenck besuchte. Ich hatte Gelegenheit, Hagelstange kennen zu lernen und mich bei Bergengruen für seine Werke zu bedanken. Auch Pechel (Deutsche Rundschau) sah ich wieder.
Gegen 18 traf ich mich mit Susanne auf dem Bahnhof und um 20 waren wir zu Hause.
Am Mittwoch Fortsetzung der Posterledigung und kurzer Besuch bei Frau Bähr. Er war in Stuttgart.
Gestern war ich nun wieder bei Landenberger, um einmal grundsätzlich zu fragen, wie die nie verschwindenen äußeren Augenbeschwerden mit dem eigentlichen Prozeß zusammenhängen. (In Bad. war das wieder sehr lästig, und auch mit dem Sehen war es dort viel
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| schlechter; vielleicht weil das Garnichtlesen nachteilig ist.) Volle Klarheit habe ich nicht mitgebracht. Die Sehfähigkeit hält sich befriedigend. Von den ca 7 Medikamenten, die ich wochenlang genommen habe, sollen einige fortfallen. Das Merkwürdigste aber war, daß der Blutdruck, der Anfang Oktober Anlaß zu Bedenken gab, nun unternormal ist (zwischen 120 und 170.)  ??  Das Allgemeinbefinden wechselt sehr. Den Aufenthalt auf dem Turm habe ich nicht als schwierig empfunden, während Jüngere nicht oben bleiben konnten.
Nach vielen Hin- u. Hererwägungen haben wir uns entschlossen, die "Nachkur" nach Alpirsbach zu verlegen. Es ist nötig, daß Susanne mal nach ihrer Schwester Annemarie sieht, da Jenny als Großmutter in Münster Dienst tun muß. Ich kann nicht weit und nicht lange fortgehen. Am 3.V ist Fakultätssitzung, am 8.V Rektoratsübergabe.
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| Zwischen diese beiden Tage wird die Reise wohl fallen.
Außerdem aber stehen für das S.S. bevor 2 Reisen nach Bonn, eine nach Hamburg (noch unentschieden), eine nach Frankfurt. Ob ich unter diesen Umständen mein kleines Seminar halten kann, ist ebenfalls noch unentschieden.
Bei einem Besuch in Heidelberg werde ich mir die Sache mit dem Richtmaß anschaulich erklären lassen.
Bei Ernst Meister handelt es sich um einen Schatten auf der Lunge.
Die Kapitelsitzung des Pour le Mérite ist am 18.IV. Hamburg am 15.VI, (?) Parteienrechtskommission am 25./26.V.
Der in Heidelberg lebende ausgezeichnete Berufspädagoge Heinz Lang ist mit 48 Jahren gestorben. Ein großer Verlust.
Nun ist es für heute "reichlich genug." Ich bin mit herzlichen Wünschen und Grüßen, auch von der Gefolgschaft,
Dein getreuer
Eduard

[li. Rand] Habe ich eigentlich geschrieben, daß uns der Kunsthistoriker Schmoll in s. Auto mit nach Frankreich genommen hat: Rheinseitenkanal (unerhört), Kirche Ott<Fuß>marsheim (herrlich)
[re. Rand S. 5] In Badenweiler angenehme Begegnung mit (Eurem früheren) Heß, jetzt <Kopf> Präsident der DFG.