Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Mai 1956 (Tübingen)


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Tübingen, den 14. Mai 56.
Meine geliebte Freundin!
Die Eisheiligen scheinen nun vorüber zu sein. Da wirst Du Dich, so lange die Blüte dauert, doch auch wohl einmal auf eine Bank hinauswagen, von der Du etwas Hübsches siehst. Denn die Luft draußen ist noch etwas anderes als Zimmerluft; man soll sich nicht von ihr entwöhnen. Es sind ohnehin nur wenige Tage im Jahr, wo man im Freien sitzen kann.
Die 4 Tage in Alpirsbach waren bezaubernd. Ich habe stundenlang nur die Kirche mit ihren edlen Formen in mich aufgenommen. Aber ein bißchen bin ich auch im Walde aufwärtsgegangen. Da gilt auch: "der ist sehr bald allein."
Das Unglück in der Familie
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| Franz
empfinde ich sehr mit. Ich glaube allerdings, daß man in jüngeren Jahren so etwas noch ganz überwinden kann. Schlimm ist nur die Geduldsprobe und der Mangel an Selbstvertrauen, der lange nachwirkt.
Unmittelbar nach unsrer Rückkehr hatten wir Rektoratsübergabe mit Festessen der Honoratioren der Universität. Der neue Rektor heißt Schindewolf. Nimmt man seinen Namen mit Schadewaldt zusammen, so macht das einen unheimlichen Eindruck mit Bezug auf die Tübinger Gesellschaft. Der frühere Rektor Eißer war Jurist; dieser ist Geologe. Wir sind also aus der Eißerzeit in die Eiszeit gekommen.
Tags darauf war Mittwochsgesellschaft mit politischem Vortrag. Himmelfahrt hat Schmeil seinen 60. Ge
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|burtstag gefeiert. Mit Rücksicht auf den Festtagsverkehr konnte ich mich nicht zur persönlichen Teilnahme entschließen. Am Samstag war Litt von ca ½ 11 bis ½ 19 bei uns. Er ist – aus bekannten Gründen – fast ununterbrochen auf Reisen. Heute ist Wenke zu erwarten und die Witwe des zu früh verstorbenen Mackenroth, Schwägerin des hiesigen Harms. Morgen nehmen wir beide an der Eröffnung des Gewerbelehrertages teil und müssen deshalb schon sehr früh nach Stuttgart fahren.
Zwischendurch wird immer an kleinen Aufsätzchen gebastelt. Am Donnerstag soll das Seminar zur Geschichte der deutschen Volksschule beginnen.
Am Freitag und Samstag nach Pfingsten ist wieder Sitzung in Bonn. Paßt es, wenn ich am Trinitatissonntag von möglichst früh an in Heidel
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|berg
Station mache?
Pour le mérite ist erst am 18.VI, und damit verflechten sich manche andere Begegnungen in Frankfurt und Köln.
Bei dem gleichmäßigen Wetter ging es in Alpirsbach und hier mit den Augen recht gut. Manchmal aber ist das Jucken und Stechen äußerst lästig. Eigentlich ist das doch ganz etwas anderes als die Beeinträchtigung der Sehfähigkeit?
Gestern war – der schönste Tag des Jahres! Abschluß der Einkommensteuererklärung. Nächstes Jahr mache ich sie nicht mehr, mindestens nicht selbst. Im ganzen Hause hier kann niemand mehr addieren.
Am 24. Mai hat Frau Biermann in Kronberg, Oberurseler Str. 12 ihren 75. Geburtstag. Bitte nicht vergessen!
Ich wünsche Dir ein möglichst gutes Befinden. Du weißt, daß ich Deiner unablässig gedenke. Mit herzlichen Grüßen, auch "von den anderen" Dein
Eduard

[li. Rand] Gestern war Frau Trautz, Witwe des Japanologen Trautz, (Kyoto) aus Karlsruhe bei uns. Viele Erinnerungen.