Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Juni 1956 (Tübingen)


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Tübingen, den 11. Juni 56.
Meine geliebte Freundin!
Unsre unglaublich bunte Existenz wirst Du vermutlich an der Eile und Konfusion dieses Briefes bemerken. Ich bitte dafür im voraus um Nachsicht. Es kann nicht viel mehr werden als eine Liste des Gewesenen und des jetzt Geplanten.
Am Samstag 2.6. fuhren wir mit Erbe und Arnold nach Stuttgart zu der Trauerfeier für den guten Minister Bäuerle. Alles war gewaltig, die Teilnahme und die Kränze. Dabei begegnete mir etwas Merkwürdiges. Eine mittelalte Dame kam auf mich zu und fragte mich: "Wissen Sie, wer ich bin? Kennen Sie mich noch?" Keine Ahnung, wie immer. "Ich bin
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| Frau Gördeler" – Nun habe ich Frau G. nie gesehen. Ich war so erstaunt, daß ich keine Worte fand. Nach der Versenkung des Sarges lief ich hinter ihr her (sehr unpassend.) Es stellte sich heraus, daß sie mich verwechselt hatte.
Bei dieser Gelegenheit will ich gleich erwähnen: Ernst Löwenthal ("der Registrator") ist gestorben. Wir waren seit etwa 1902 befreundet.
An einem vom Wetter wenig begünstigten Tage sind wir von dem Ehepaar Landenberger im Auto nach Haigerloch geführt worden, haben dort noch einmal alles besichtigt und endeten in Hechingen. Alles war farblos. H. ist sonst zur Fliederzeit sehr schön.
Vorgestern war Hauptversammlung der Hölderlin-Gesellschaft. Wir hörten nur
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| den Vortrag "Eures" Prof. Böckmann. Nachm. besucht uns der reizende junge Afghane Mayar. Wir hatten unsren befreundeten Orientalisten Dr. Krämer dazu gebeten und ließen uns von ihm eine Ausstellung persischer Handschriften erklären. Der Vater v. Mayar, Generalgouverneur, hat mir einen Schlafpelz von unerhörten Dimensionen geschenkt. Alles Otter, offenbar sehr kostbar.
Gestern Dr. Bähr und hinterher Dr. Armin Müller mit Frau, früher Weimar, jetzt Nervenarzt in Berlin. Er hat m. "Lebensformen" für die Medizin fruchtbar gemacht u. findet damit neuerdings viel Beachtung.
Programm: Morgen rede ich in einer Lehrerarbeitsgemeinschaft, Mittwoch wollen wir nach Stuttgart zur Hauptversammlung der Planckgesellschaft (mit Heuß?), Donnerstag Seminar. Samstag Abfahrt nach Frankfurt (Merton.)
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| Sonntag fahre ich weiter nach Bonn, wo auch Susanne hinkommt. Montag Pour le mérite. [über der Zeile] (18.6.) Dienstag Besuch in Köln bei Diem und meiner Cousine mütterlicherseits Selma. Mittwoch 20. Rückfahrt. Hier besteht nicht sichere Möglichkeit eines gemeinsamen Mittagessens am neuen Bahnhof etwa zwischen 12 und 14½ [über der Zeile] 13.25 Adresse in Bonn Hôtel Muskewitz, Dechenstr. (DECHEN Str.)
An dem Befinden von Frl. Héraucourt und Frl. Franz nehme ich lebhaften Anteil. Frl Lampert ist zum 3. Mal mit Herzattacke im Krankenhaus. Das sieht sehr ernst aus.
An m. Rundfunkvortrag sind höchstens einzelne Wendungen im Druck geändert. Es ist merkwürdig, daß die, die gehört haben, fast immer etwas anderes gehört haben, als was gesagt worden ist.
Hat nicht etwa der Theologe Niebergall einmal Anlage 48 gewohnt? Es ist denkbar, daß ich von Delekat eine Bestellung <li. Rand> für ihn hatte. – Bei diesem Wetter ist einem immer etwas <Kopf> plundrig zumute. Hoffentlich wird es besser <re. Rand> und uns besser! Innigste Wünsche Dein Eduard
[li. Rand S. 1] Ms. der Akademie-Ansprache mit Dank erhalten.