Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Juli 1956 (Tübingen)


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Tübingen, 9.7.56.
Meine geliebte Freundin!
Die Schreibpause ist etwas größer geworden – aus mannigfachen Gründen. Hier ist ein tragisches Ereignis eingetreten durch den plötzlichen Tod des philosophischen Fachkollegen Metzke (früher Heidelberg.) Er ist am Morgen seines 50. Geburtstages, nachdem ihm die Ev. Studentengemeinde ein Ständchen gebracht hatte, tot umgefallen. Jeder weiß, daß er sich durch inneres Feuer selbst verzehrt hat. Mir war er besonders lieb; ich hoffte auf gute Gemeinschaft. Vor 2 Monaten erst hatte er die Leitung der Hegelausgabe nach dem Tode des ebenso früh verbrauchten Hoffmeister übernommen. Auch diese Angelegenheit ist von der Katastrophe schwer geschädigt worden.
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Die Beerdigung (in sehr großem Kreise) fand auf dem hiesigen Bergfriedhof statt. In der Halle zog es furchtbar; nachher mußte ich ½ Stunde am Grabe gegen den (allerdings warmen) Wind stehn. Dadurch wurde die schon vorhandene Entzündung des Augenlides am kranken Auge auf den Gipfel gebracht. Ich werde dieserhalb Harms (nach einer Pause von ½ Jahr) wieder aufsuchen müssen. Denn ich kann nicht schon wieder nach Eßlingen fahren, wo ich erst vor 6 Tagen war.
Anderes ist erfreulicher gewesen. Konzertmeister Klemm u. Frau haben uns in ihrem kleinen Auto mitgenommen nach der Salmendinger Kapelle und dann noch auf das Nägelehaus auf dem Raichberg (Alb) Nachdem ein gewaltiger Guß vorbei war, war das Wetter recht schön. Höhe fast 1000m. Dasselbe Ehepaar hat vorgestern unter besten Wetterverhältnissen
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| im Kreuzgang des Klosters Bebenhausen Kammermusik gemacht. Wir waren ⅔ der Zeit dabei. Tags zuvor hatte ich einen gehaltvollen Vortag von Gerhard Ritterx) [Fuß] x) Hat auch ein schweres Augenleiden. gehört (der uns vor langen Jahren auf der Reichenau angesprochen hat. Meineckeschüler 1. Ranges.) Dabei will ich gleich erwähnen, daß am Montag Binswanger hier redet und für diesen Tag bei uns zu Mittag zugesagt hat.
Gestern war der hiesige Gymnasialdirektor Haag mit Frau bei uns. Die gehören zu unseren besten Freunden, sind aber sehr viel beschäftigt.
Wenn ich nun noch hinzufüge, daß ich einen Aufsatz für Bähr geschrieben, andere zu Ende redigiert und die Geburtstagswünsche bis auf ca 30 beantwortet habe (diese letzten [über der Zeile] 70 ganz individuell), dann wirst Du den Eindruck haben, daß ich nicht gerade untätig gewesen bin. Aber
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| ich hoffe nun doch auf die ruhigere Zeit, die in 3 Wochen beginnen soll.
Der Versuch des Sommers, nun endlich ein Sommer zu werden, wird auch Dir wohlgetan haben. Natürlich wird der Lärm in Deiner Straße dadurch größer. Aber so ist es im Leben: wenn im neuen Heim kein Straßenverkehr zu sehen ist, wird Dir das auch fehlen. In Sorge bin ich noch wegen der noch folgenden Räumerei in der Petersstr. Ein Boden ist bei Hitze geradezu ein gefährlicher Aufenthalt. Ich weiß aber nicht, wie ich Dich davon abbringen soll, vor dem September dort hinzugehen. Für Hedwig Matthy ist das auch nichts. Seltsam – man hat so vielen geholfen. Im Alter aber ist niemand bereit, mit Hand anzulegen. Junge Kräfte hätten es bald geschafft. – Denn – Die Lust am Individuellen tritt im Alter zurück gegenüber dem Ruhen im Spirituellen. Laß ruhig Motten und Rost fressen, was sie noch vorfinden.
<re. Rand> Frau Ida Schmalenberger hat neulich nach Dir gefragt.
<Kopf> Mittwoch Nachm. rede ich in Nürtingen in kl. Kreise.
<li. Rand> Morgen vorm. kommt Litt 2 Stunden auf der Durchreise von Inzigkofen. Herzliche Wünsche u. Grüße von uns allen hier! Dein Eduard