Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Juli 1956 (Tübingen)


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Tübingen, 20.7.56.
Meine geliebte Freundin!
Am 15. Juli waren es 10 Jahre, seit ich Dich zuerst nach dem Kriege wiedersah, und am 16. Juli waren es 10 Jahre seit meinem Eintreffen hier. Das sollte eigentlich ein bißchen gefeiert werden. Aber es drängte sich so viel Aktuelles vor, daß wieder keine Zeit dafür blieb. Wir haben nur heute vor 1 Woche bei schönem Wetter eine Autofahrt nach Schloß Weitenburg im Neckartal gemacht, zu der uns der Kriegsblinde Dr. Kops, der auch bei mir studiert hat, einlud – ganz improvisiert. Seine Frau chauffierte.
Harms fand "Zeit", mir zu sagen, daß die Entzündung links ein Gerstenkorn nach innen war. Es kam dann ein zweites nach außen, das ein wenig aufging, und ein drittes, mit dem die Sache vorläufig abgeschlossen zu sein scheint.
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Hauptangelegenheit der letzten Zeit war der Besuch von Ludwig Binswanger (Kreuzlingen), den wir mit Haering zusammen zu Mittag eingeladen hatten. Abends hielt er einen Vortrag, den wir auch hörten (über sein Verhältnis zu Freud – – –). Ein sehr feiner, mir sehr lieber Mann. Zur Wissenschaft haben seine Dinge keine eigentliche Beziehung.
Am Sonntag war ein Studienrat Teille da, sehr anhänglicher Student von
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| Berlin her, der 2 Jahre in Chile Deutsch unterrichtet hatte.
Nachm.
Es ist wieder sehr gewittrig, und in knapp 2 Stunden soll die Studentengesellschaft beginnen. Wir sind im ganzen 15 Personen. Morgen ist vorm. Fakultätssitzung, nachm. Universitätsausflug nach Bad Niedernau. Sonntag Nachm. ist Stiftskonzert. Nächste Woche wird noch am Donnerstag und Freitag Seminar gehalten. Dann beginnen die Ferien. Ziel unbekannt. Frl. Silber ist schon in Bad Gastein, wo auch Litt wieder hingeht.
Der Fortschritt im Befinden von Frl. Franz freut mich, und ich wünsche Dir viele ruhige Stun
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|den auf einem Balkon wie dem Franzischen.
Über das Altbadische Volksbegehren habe ich keine begründete Meinung. Daß es dann zu einer neuen Volksabstimmung kommt, glaube ich nicht. Aber daß man – aus mancherlei Gründen – von Stuttgart losmöchte, ist mir durchaus verständlich.
Herrn Schmeil habe ich jetzt gebeten, den Herrn Bachmann zur Abholung der Goldenen Frucht bei Dir vorbeifahren zu lassen.
Beiliegendes ist für Taxifahrten bestimmt. Du kennst ja jetzt den Modus der telephonischen Herbeiholung
Verzeih den etwas müden Ton dieses Briefes. Pflege Dich, ärgere Dich nicht, und laß es Dir gut gehen! "Alle" grüßen herzlich. AEI Eduard