Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29./30. Juli 1956 (Tübingen)


[1]
|
Tübingen, 29.7.56.
Meine geliebte Freundin!
Dieser Stift ist "meiner Individualität nicht angemessen." Vom vielen Schreiben damit wollte sich am rechten Arm eine Nervenentzündung bilden. Ich habe einen Tag ganz ausgesetzt und muß aus dem angegebenen Grunde auch heute noch kürzer sein, als mir lieb ist.
Wesenszüge verstärken und versteifen sich mit zunehmendem Alter. Hermann hat eine Art, die – in unsrer alten Terminologie – "nicht meine Art" ist. Warum sollte nicht jeder seine behalten? Aber wenn man dann Geschäfte mitein
[2]
|ander zu betreiben hat, wird es lästig. Wenn irgend möglich, drücke das nun herunter. Man kann in unseren Jahren Verstimmungen nicht brauchen, weil sie den Lebenswillen herabsetzen.
Kann man dazu Nes-Kaffee brauchen? Bei uns gilt er als zu stark. Du wirst ja darauf achten, ob und in welcher Dosierung er Dir bekommt. Gegen anderen Kaffee ist nichts zu sagen.
Das weitere im Telegrammstil: Freitag 20.7. Studentengesellschaft, die deshalb ganz nett verlief, weil ich beim üblichen Versacken der Unterhaltung jeden seine Heimat zu rühmen aufforderte. Samstag Universitätsausflug nach Bad Niedernau
[3]
| bei passablem Wetter. Wir fanden nicht den geeigneten Anschluß; denn wir sind eben doch längst "draußen". In diesem Monat gehen wir heute zum 3. Mal in die zum Hause gehörige Kirche. 2 Verabschiedungen, eine Antrittspredigt (heute) – des Hausherren. Nachm. kommen nach langer Pause Bährs.
Das Seminar hat am 26. u. 27. einen guten Abschluß gefunden. Der 27. wird nun wohl "das Allerletzte" gewesen sein – im 114. Semester!!
Mit meinem Assistenten Fetscher stehe ich seit längerer Zeit in kritischem Verhältnis. Es fehlt ihm "das Preußische", das ich für eine Amtserfüllung fordere.
"Die goldene Frucht" ist gut eingetroffen. Es tut mir sehr leid, daß Du damit
[4]
| nun doch viel Mühe gehabt hast.
Niemeyer war hier und verhandelte über das Herausbringen ausgewählter älterer Aufsätze von mir.
Ida und die Tierok'n reisen am 6. August nach Schömberg bei Freudenstadt ab. Uns ist es gelungen, ab 14.8. bis 1.9. in dem gleichen Hôtel wie voriges Jahr eine Unterkunft zu finden. Ich verspreche mir wegen Wetters und Befindens nicht viel. Aber man muß doch weg, schon wegen der vielen Durchreisenden. Auch für Lenzkirch haben sich schon allerhand Leute gemeldet. Frl. Silber habe ich geraten, sich in Kappel einzuquartieren. Susanne liest eben ihr Pestalozzims. vor.
Dr. Wolfgang Herchenbach siedelt nach Essen über.
Ich hoffe, daß man für das arme Frl. Hér, die doch offenbar eine natürliche Wider<re. Rand>standskraft hat, noch irgend ein Stimulans findet. Nun geht es nicht mehr mit dem Schreiben. Innigst Dein Eduard
[re. Rand S. 3] Wetter höchst angreifend!
[re. Rand S. 1] Steht der Umzug schon fest? Vorher komme ich noch einmal.

<Kopf> 30.7.56. Dank für die Zeitungsausschnitte! Das <li. Rand> Ms. v. der Akademie muß erst wieder abgeschrieben werden. Arm heute besser