Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. August 1956 (Tübingen)


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Tübingen, 8.8.56.
Meine geliebte Freundin!
In dem heutigen Brief von Schmeil steht, daß bei Euch furchtbares Wetter sei und daß man heizen müsse. Hier war es nicht anders – heute allerdings ist es klar. Das Schlimme war die ständige Dunkelheit und die nervenzerrüttende Spannung in der Atmosphäre. Von Dir fürchte ich, daß Du den kleinen Ofen nicht in Gang setzest. Aber Du mußt eine ausreichende Temperatur im Zimmer haben. Der Organismus selbst produziert sie nicht mehr.
Wie Du siehst, schreibe ich doch mit dem Stift. Die Stahlfeder bereitet mir seit Jahren große Be
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|schwerden. Entweder ist die Tinte zu dick oder die Feder selbst versagt, jedenfalls, wenn das Schreiben anfangen soll, kommt nichts auf das Papier. Übrigens habe ich noch einen halben Kasten voll von Federn, die Du mir geschenkt hast.
Ida ist seit vorgestern Vormittag fort – in Schömberg. Wir müssen hier noch bis zum 14.8. früh standhalten. Ich habe einen großen, sehr schweren Aufsatz: "Gedanken zum staatsbürgerlichen Unterricht" gestern so ziemlich fertig gestellt. Susanne hat ihn abgeschrieben. Jetzt bin ich bei einem Beitrag für die Harvard–Zeitschrift Confluence, der auch noch fertig werden soll. Es geht alles langsam. Mein Allgemeinbefinden war wenig gut. Landenberger in Eßlingen hat gestern fest
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|gestellt: Blutdruck 110–170. Dementsprechend ist das Sichfühlen. Auch ist die Fülle der Durchreisenden einigermaßen beschwerlich, wenn man erholungsbedürftig ist. In 1 Stunde kommt Werner Jaeger, gestern war ein OSt. Dir. aus Weimar da, morgen aus Hannover, übermorgen aus Berlin etc.
Der hiesige Ordinarius der Jur. Fak. Fechner hat vor kurzem Frau Mahn geheiratet, die bei mir vor ca 8 Jahren sehr gut promoviert hat. Neulich haben uns beide mit ihrem Auto abgeholt – sie chauffiert – und auf den Mädlefelsen über Reutlingen gefahren (ca 800 m) Dort ist ein ländliches Wirtshaus. Es war sehr hübsch. Tags zuvor war ich bei den Industriellen in Bebenhausen. Das ist wohl schon berichtet. Tags darauf kam eine Peruanerin und daran anschließend, ziemlich unerwartet, Mrs Bird aus Washington,
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| eine Wohltäterin von 1945–48.
Daß der Herd bei Frl. Hér. in den Knochen zu suchen ist, halte ich für besonders schlimm. Die sind nicht auszu bessern.
Frl. Silbers Ms über Pestalozzi habe ich gestern an Schmeil geschickt. Aber ein Kapitel war schwach. Darüber muß ich mit ihr noch sprechen. Sie wird vom 15.8. an (oder 18.8.?) in KappelGrünwald sein, also ganz nahe bei uns. Auch Dr. Bork aus Berlin kommt gegen Schluß unsres Aufenthaltes. Dr. Bähr für 1. Tag. Eine solche Häufung in den Ferien draußen liebe ich eigentlich nicht, und ich hoffe, daß nicht auch noch Holzhausens sich für – Lenzkirch entschließen. Denn ich bin wenig traktabel und schlecht transportabel. Frl. Silber plant nicht, über Heidelberg zu kommen; aber vielleicht redet sie doch gern mit Schmeil.
Schwester Maria ist nun wohl <li. Rand> wieder da. Möge sie alle ihren guten Kräfte auf den Schluß verwenden! Ich habe heute schon viel geschrieben. Daher kurz: Grüße und <Kopf> alles erdenkliche Gute! Dein Eduard
[re. Rand S. 1] Ernst Meister, der Mann von Marianne Honig, ist zur Lungenkur in Immenhausen bei Kassel. Sind wir da nicht 1915 durchgekommen u. haben <Kopf> einen Bauern getroffen, dessen Sohn gefangen war?