Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. August 1956 (Lenzkirch/Hotel Vogt)


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Lenzkirch, Hôtel Vogt.
18. Aug. 56.
Meine geliebte Freundin!
Dein sehr lieber Brief ist gestern, dankbar begrüßt, eingetroffen. Ich werde meinerseits [über der Zeile] hier kein fleißiger Briefschreiber sein. Mein äußerer Augenzustand ist hier zwar spürbar besser, aber doch nicht das Sehen.
In diesem ansehnlichen Hôtel waren wir vor 31 Jahren, als es ein ganz bescheidenes Bahnhofsgasthaus war, einmal zum Kaffeetrinken und bedauerten, daß wir nicht hier eines von den neuen hellen Zimmern bewohnten, statt den "Hirsch". Dieser ist seidem abgebrannt und "wie der Hirsch aus der Asche" stattlich neu erstanden, wird auch noch von der
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|selben Frau Kraus geleitet, hat aber nichts Anziehendes, schon weil er ganz weit vom Walde wegliegt. Wir haben ein geräumiges Zimmer mit Balkon nach Nordosten und 2 Fenstern nach Südosten. Der Blick geht in einen Garten mit mittlerweile hoch und dicht gewordenen Bäumen. Auch münden in ihm 2 forellenreiche Bäche ineinander, deren Rauschen fast das einzige ist, was wir nachts hören. Verpflegung sehr gut, Besitzerfamilie behandelt uns schon als Bekannte.
Wir mußten am 14.8. um 7.50 abfahren, waren dann aber schon 11.50 vor der Hôteltür. Das Wetter ist wechselnd und, wie dies Jahr immer, unmotiviert wechselnd. Gestern waren erhebliche Gewitter. Wir haben aber schon 3 Vormittage auf den Sommerbergbänken (100m über dem Ort) sitzen
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| können, die es "zu unsrer Zeit" noch nicht gab.
Dr. Bähr wollte uns hier von Hornberg [über der Zeile deutlicher] Hornberg aus besuchen. Er hat aber auffallenderweise noch nichts von sich hören lassen. Heute trifft Frl. Silber in der Pension Rechenbergfelsen ein, die 1½ Km unterhalb von Kappel mitten im Walde auf dem Wege nach Stalleggx) [Fuß] x) gedeckte Brücke. liegt. Für das Ende des Aufenthaltes ist noch Studienrat i.R. Dr. Bork aus Steglitz zu erwarten. Etwas zu viel im Hinblick auf freie Ausnützung der Zeit!
Sonst ist nichts zu berichten, was in unsrem Alter immer das Beste ist. Ida hat am 15.8. ihren 50. Geburtstag in Schömberg gefeiert, wo jetzt auch mein Nachfolger, derzeitiger Dekan Bollnow,
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| ist.
Von Holzhausens hören wir trotz Anfrage auch nichts. [] (!) Christiane hat aus Oesterreich eine Karte geschrieben, wo sie mit ihrem Adoptivvater ist. Er ist da geboren.
An der Universität ereignet sich manches nicht durchweg Erfreuliche, worüber jedoch besser zu reden als zu schreiben ist.
Ob Frl. Silber nach Heidelberg kommt, werden wir hören.
Ich wünsche Dir, daß doch irgendwann noch der Genuß am Balkon kommt. Ich betone noch einmal: laß den Sessel reparieren und teile mir den Betrag der Rechnung noch vor der Fälligkeit mit, damit ich ihn übernehme.
Susanne, die eben wieder Medikamente für mich einkauft und ihre Armbanduhr reparieren läßt (Lenzkirch) <li. Rand> grüßt herzlich. Innigst Dein Eduard
[re. Rand] Familie Kümmerlen (= Lenerl Biermann) ist in Altensteig bei Nagold
[Kopf] Sendung vom 14.X. war mir unbekannt.
[re. Rand S. 3] Blutdruck zwischen ...... bedeutet Minimum und Maximum bei einer Messung
[li. Rand S. 1] Die Zeitungsausschnitte habe ich überwiegend mit Interesse gelesen