Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. August 1956 (Lenzkirch)


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Lenzkirch, den 29.8.56.
Meine geliebte Freundin!
Der 31. August ist uns seit 53 Jahren in sehr verschiedenen Gestalten erschienen. Manchmal gewiß schon heller. Aber sein Sinn vertieft sich, je mehr wir beide den Sinn unsres Lebens überblicken. Unser beider Dasein ist so ineinander geflochten, daß es fast nur eines ist. So danke ich Dir zu dem Gedenkfest übermorgen für alles, was Du mir gewesen bist und bist. Oft haben wir den Tag gemeinsam feiern können. Der Kalender dieses Jahr gestattet es leider nicht.
"Überhaupt" – diese Reise kann nicht recht als gelungen gelten.
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| Heute, am 14. Tage, habe ich eine so starke Erkältung, daß ich mich garnicht hinauswagen kann. Da "man" nicht weiß, wann das Zimmer aufgeräumt wird, sitze ich im ebenso ungeheizten Salon und schreibe dies auf den Knien. Daher noch schlechter als sonst. Die Fülle der Besuche bringt wohl Ersatz für weitere Unternehmungen. Aber es ergeben sich dadurch lauter Terminbindungen, für die ich eigentlich eine Pause gesucht hatte.
Am Montag 27.8. kamen Herr und Frau Schondelmaier mit ihrem Neffen Dr. Bähr in einem schönen Mercedes. Sie fuhren uns auf der Straße nach Falkau, auf der wir 1925 vom Feldberg unvernünftiger Weise herunterkamen, über Altglashütten und Aha zum Staudamm des Schluchsees
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| Dort ist jetzt alles total anders, als wir es gesehen haben. Das geschah bei voller Sonne, aber verdächtiger Schwüle. Nach dem Mittagessen goß es. Wir mußten mit dem allein zurückbleibendem Dr. Bähr den ganzen Nachmittag im Zimmer sitzen. Am nächsten Vormittag blieb er noch hier (gestern.) Man versucht dann, auf einer Bank zu sitzen, und dann ist der Schnupfen, der ja bei mir immer eine Krankheit bedeutet, auf der Höhe. Heute abend kommt nun Dr. Bork aus Steglitz für 3 Tage, während Frl. Silber noch in Kappel-Grünwald sitzt. Das ist alles nicht mein Reisestil. Dabei sind noch mehrere Besucher ferngehalten.
Wir wollen bis zum 4.9. hierbleiben und via Alpirsbach am 6.9. in Tübingen sein. Was die Wirkung auf Gesundheit, Nerven, Stimmung betrifft, ist das Erhoffte
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| nicht erreicht worden.
"Stimmung". Es betrübt mich dauernd, daß das Verhältnis mit Wenke trotz guten Willens auf beiden Seiten nicht recht reparabel ist. Es stehen eben Sachen zwischen uns. Auch mit meinem sog. Assistenten Fetscher komme ich nicht recht wieder in Ordnung. Und so noch mit einigen andern. Das ist parallel zu Deinen Schwierigkeiten mit Hermann. Ist das nun unser Altersstarrsinn oder geht es auf Forderungen zurück, die in sich berechtigt sind?
Frl. Silber hat Dir wohl ihren Besuch für den 4. (?) September schon angekündigt. Wenn es Dir zu anstrengend wird, mußt Du ihr das offen sagen. "Wenn ich jetzt wäre, wie Ihr, .........."
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Auch die Post bringt hierhin allzuviel, und ich habe doch niemanden zum Diktieren.
Aber diese Zeilen sind "vom Herzen diktiert", das weißt Du. Es sitzen jetzt schon 3 um mich herum. Das ist gemütlich.
Was mag mit Frl. Reinhard sein? Frl. Lampert ist jetzt wieder zu Hause. Sie ist aber nun doch ein "Wrack". Eigentlich wollte sie mit ihrer Schwester jetzt nach Afrika fahren, zum Grab des dort gefallenen Neffen Penck.
Nun lebe wohl und tue alles, was Dir erfreulich ist, aber nicht anstrengend. Im zeitlosen Sinne des 31. August
AEI   Dein   Eduard