Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. September 1956 (Tübingen)


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Tübingen, den 21. Sept. 56.
Meine geliebte Freundin!
Einen Brief am Morgen zu lesen, wirst Du ja auch während des Besuchstrubels Zeit haben. Es freut mich, daß das Wetter seit kurzem das Draußensein möglich macht.
Wir waren zweimal bei Sonne in Bad Niedernau, wo jetzt der Berliner Professor Dovifat mit Frau weilt, eine uralte Verbindung aus Leipzig. Tochter, in Berlin meine Hörerin, ist jetzt hier verheiratet. Ferner war Dr. Schönebaum aus Leipzig bei uns (Pestalozziforscher), ebenfalls uralter Hörer. Heute Nachm. kommt endlich Louvaris. Er wird wohl ein paar Tage bleiben.
Ich bin seit der Rückkehr aus dem Schwarzwald fleißig gewesen. Zunächst habe
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| ich, wie schon mitgeteilt, mein Referat für die Parteienrechtskommission gemacht, 9 Seiten, an denen ich 8 Tage fast ausschließlich gearbeitet habe. Die Sache war mir wichtig; denn ich stehe in Opposition zum Hauptkurs. Sodann ist gestern ein Ms. von 55 Seiten an die Bundeszentrale für Heimatdienst unter dem Titel "Gedanken zur staatsbürgerlichen Erziehung" nach Bonn abgegangen. Daran habe ich – natürlich mit Unterbrechungen – ein volles Jahr gebastelt. Dazu kommen noch 4 Seiten Erinnerungen an Helene Lange für die nach ihr benannte Schule in Markgröningen, die auch ein alter – Leipziger leitet.
Der Kalender der nächsten Zeit weist folgende Daten auf: 6.X Comité Culturel Schlußsitzung in Karlsruhe. 8.X Reise nach Bonn. 9. und 10.X. Sitzung
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| dort (Part. Rechts-Komm.) und wohl am 11.X Zusammensein mit Jeangros in Bonn, der am 12.X dort zu reden hat. Hingegen hat es sich nicht bewährt, einen Aufenthalt in Heidelberg an die Fahrt nach Bonn anzuhängen. Die Verbindungen sind schlecht, und ich bin dann immer ziemlich kaputt. Entweder komme ich mal auf Sonntagskarte, oder auf der Fahrt nach Kronberg, wo ein kurzer Besuch projektiert ist. Es wäre natürlich angenehm, wenn man über den Termin Deines Umzuges ungefähr etwas hören könnte. Es sieht aber so aus, als ob der nicht vor November käme. Der Quartalstermin ist ja nicht mehr erreicht worden.
Wir lesen jetzt noch einmal Felix Eberty, Jugenderinnerungen eines alten Berliners, das mir m. W. zuerst aus dem Bücherschrank von Tantchen bekannt geworden ist.
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Außer Carossa ist jetzt auch Johannes Guthmann gestorben, dessen Buch Du Anfang des Jahres gelesen hast. Die Anzeige in der Frankf. Allgemeinen ist von Frau Gerhart Hauptmann mitunterzeichnet. Ferner Prof Stock †, der Vorgänger von Harms, und unser guter Spediteur Walther hier, dem wir die Wohnung zu verdanken haben.
Dozent Dr. Flitner jr. ist nach Erlangen berufen, so daß das Loch in der Pädagogik hier sich zum vollen Nichts erweitert hat. Ob ich es aber wagen kann, noch einmal ein Seminar zu halten, ist mir sehr zweifelhaft. Mit den Kräften steht es sehr ungleichmäßig.
Käte Silber streitet sich noch mit Schmeil herum. Er zeigt sich dabei kleinlich.
Mehr Platz ist nun nicht, und auch kein würdiger Stoff. Suche die Sonne, wo sie noch zu finden ist – in jedem Sinne – z. B. auch auf dem grünen Platz an der Märzgasse. Alle hier grüßen, ganz besonders
<li. Rand>
Dein
Eduard

[li. Rand S. 2] 27.9. will die Dorer kommen