Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. November 1956 (Tübingen)


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<Brieffragment>
Bei Bährs ist vor etwa zehn Tagen der Sohn eingetroffen. Die Geburt war keineswegs leicht (40 Stunden). Aber Mutter und Kind sind gesund. Die erste haben wir schon besucht; das Kind wenigstens hinter der Glasscheibe gesehen. Der Vater ist sehr glücklich; denn es war doch viel Sorge dabei. In der vorigen Woche ist er fast jeden Tag zu Mittag bei uns gewesen; bei der Nähe der Klinik war das für ihn bequem.
Ich habe am Dienstag, 13.11. bei einem Dozentenabend des Studentenhauses Leibnizianum einen Vortrag über das Thema "Das Metaphysische" gehalten. Die Vorbereitung habe ich mir sehr schwer gemacht. Das Reden selbst, erst um 20.15, nach bloßen Stichworten hat mein Herz sehr angegriffen. Ich glaube aber, daß der Vortrag Eindruck gemacht hat, mit dem ich nun wohl zum letzten Mal vor einem Dutzend beachtlicher Kollegen und knapp hundert ganz jungen Studenten aufgetreten bin.
Heute früh war die zweite Sitzung des Seminars, und es schien mir, daß ich trotz aller physischer Behinderungen diese Sache noch gut in Gang bringen kann, nachdem ich von 1953 bis 1955 eine Teilnehmerschaft gehabt habe, mit der ich nicht arbeiten konnte.

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|<Maschinenschriftliches Original – offenbar Teil des nur fragmentarisch erhaltenen Briefs vom 15.11.1956>
Leider habe ich bisher noch keine Gelegenheit gehabt, Herrn Prof. Pramann - ich weiß nicht einmal, ob ich den Namen richtig schreibe? – persönlich kennen zu lernen. Deshalb kann ich mich nicht direkt an ihn wenden. Es handelt sich um Herrn Prof. Reble, einen ehemaligen Schüler von Litt, der seit einiger Zeit in Bielefeld tätig ist. Ev. käme er für einen Ruf nach Tübingen in Betracht. Es sind dagegen aber auch Widerstände bemerkbar geworden, so dass er bisher noch auf keine Liste gekommen ist. In solchen Fällen ist man auf Auskünfte von Kollegen, die in der Nähe des Betreffenden leben, <durchge-x-tes Wort> angewiesen. Es ist also keine Spionage, wenn man herumfragt. Derjenige, auf den sich die Erkundigungen beziehen, kann bei positivem Ausfall dadurch sehr gefördert werden. Ist aber Negatives zu berichten (oder auch nur anzudeuten), so wird die berufenden Fakultät vor Fehlgriffen geschützt, und die Studenten werden vor einem ungeeignetem Lehrer behütet. Der Auskunftsbrief wird in dem Sinne vertraulich behandelt, dass es nur dem kleinen Kreise der Berufungskommission vorgelesen wird, die zur Verschwiegenheit verpflichtet ist. Diese Genehmigung zur Verwertung wäre allerdings notwendig.
Was nun Herrn R e b l e betrifft, so kennen und anerkennen wir seine literarischen Leistungen in der wissenschaftlichen Pädagogik. Es wird aber bezweifelt, ob er zur Leitung einer Aussprache im Seminar gewandt genug ist. Ferner sind auch Zweifel an seiner kollegialen Haltung (Verträglichkeit) zu uns gedrungen. Es wäre erwünscht, etwas Zuverlässiges darüber zu erfahren, wie Prof. Reble in Bielefeld aufgetreten ist und gewirkt hat. Meine Bitte an Dich geht dahin, Herrn Prof. Pramann um eine solche Auskunft zu bitten; vielleicht mit dem Zusatz, dass er - falls er selbst keine Gelegenheit hätte, sich ein Urteil zu bilden, - ein anderes Mitglied des Lehrkörpers zu einer solchen, natürlich ebenfalls vertraulichen Aeusserung anregen möge. Im akademischen Leben ist eine derartige "Amtshilfe" unentbehrlich. Beson
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|ders die Mediziner fragen an allen deutschen Fakultäten herum, was etwaige Bedenken bei Dir vielleicht zu beschwichtigen geeignet ist. Du wirst nicht unterlassen, mich bei Herrn Professor Pramann zu empfehlen und ihm meine Frage in freundlicher Form "ans Herz legen".