Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. November 1956 (Tübingen)


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Tübingen, den 25.XI.56.
Meine geliebte Freundin!
Längst hätte ich melden sollen, daß der Kasten hier eingetroffen ist. Verzeih' meine Vergeßlichkeit.
Der Aufsatz "Wider den Lärm" steht in dem Heft "Vom stilleren Leben". Es ist zu groß, um sich ganz verkrümeln zu können. Es tut mir leid, daß das neue Heim so lärmreich ist. Eigentlich sollte man denken, daß unter alten Leuten die Stille in jeder Form beliebt ist.
Ich bin Dir sehr dankbar, daß Du mir die Auskunft von Herrn Pramann so prompt besorgt hast. Offenbar hat er sie sehr ungern gegeben. Ihm selbst zu danken, hindert mich nur der Umstand, daß ich nicht
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| weiß, welchen Titel er hat. Professor? Studienrat? – Es wird also nichts übrig bleiben, als daß Du noch einmal die Mühe, ihm zu schreiben, auf Dich nimmst. Er habe mir (und wohl auch Prof. Reble) einen großen Dienst geleistet. Ich ließe ihm herzlich danken, was ich selbst getan hätte, wenn ich die richtige Anrede gewußt hätte etc. etc.
Bücher ordnet man ein, indem man erst hinten diejenigen unterbringt, die wenig wert sind, so daß man sie kaum brauchen wird. Dann stellt man vorn die großen Ausgaben (Goethe, Schiller, Hillebrandt) hin. Endlich füllt man die noch bleibenden Lücken mit solchen Sachen, die möglichst sinnverwandt sind (Goethebiographien neben Goethe und so fort.) Eine Zeitlang liegt dann natürlich der Tisch von Ungeordnetem voll. Aber Du brauchst ihn ja nicht mehr zum Essen.
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Heute vor 8 Tagen waren wir in Stuttgart bei LampertPenck. 2½ Stunden hin, 2½ Stunden zurück, 2 Stunden da. Es ging der Patientin, die buchstäblich zum 3. Male von den Ärzten am Abgrund gerettet worden ist, verhältnismäßig recht gut. Hingegen ist ihr und mein Freund, Prof. Ströle, ernsthaft erkrankt, so daß wir den für den gleichen Tag geplanten Besuch bei ihm aufgeben mußten.
Vorgestern war ich in Eßlingen. Gesamtbefund: "stationär", womit ich nach Lage der Dinge zufrieden sein muß.
Ich fühle mich aber im Augenblick ganz unproduktiv. Was ich auch anfange, kommt nicht weiter. Dürfte ich mehr rauchen, wäre es wohl anders.
Wir haben trotz des Winterwetters einige Spaziergänge gemacht, die sich auf 1–2 Stunden ausdehnten. Es ist doch wohl notwendig, regelmäßig an die Luft zu
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| kommen.
Frau Dr. Bähr und ihr Söhnchen sind seit 6 Tagen zu Hause. Seine Mutter aus Wieblingen und eine Säuglingsschwester helfen. Susanne ist eben hingegangen, um sich zu erkundigen. Dabei wird sie auch die jungen Herchenbachs besuchen, die demnächst nach Essen übersiedeln.
Eine mir unbekannte Dame in Überlingen hat mir geschrieben, daß sie in einem wenig besuchten Raum der Uffizien in Florenz das Selbstbildnis von Bartholomäus Spranger entdeckt habe; Es bleibt aber offen, ob ich mit diesem Maler verwandt bin.
Frau Stettbacher ist gestorben. Eigentlich wollten wir Anfang Dezember auch für 3 Tage nach Zürich. ("Man muß seine Freunde noch einmal sehen".) Aber es ist vielleicht besser, wenn wir die Reise noch ein wenig aufschieben.
Nieschling, recht alt aussehend, war auch für einen Tag wegen der Augenklinik hier.
Alle hier grüßen herzlich und <li. Rand> hoffen darauf, daß Du Dich bald bei Vater Philippen (so hieß das militärische Arrestlokal in Berlin S.) wohlfühlst. Noch einmal <Kopf> Herzlichen Dank und treue Grüße
Dein Eduard

[re. Rand] Frau Geheimrat Kühne, die recht krank (gewesen?) ist, schreibt, daß sie mit der Familie des Sohnes nach Bern übersiedeln werde.