Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Dezember 1956 (Tübingen)


[1]
|
Tübingen, den 9. Dezember 56.
Meine geliebte Freundin!
Weihnachten rückt mit unheimlicher Schnelle näher. Du wirst Dich darauf gefaßt machen müssen, daß Du diesmal um eine gemeinsame Feier im Hause nicht herum kommst. Aber es bleibt ja immer noch Zeit genug für das besinnliche Alleinsein.
Wir haben leider jetzt schon ein zu stark besetztes Programm. Am Heiligen Abend soll es wie alle Jahre gehalten werden, so Gott will. Am 1. Feiertag wird der junge Afghane hoffentlich kommen können, der uns so ganz besonders lieb ist. Ob Landerbergers uns den 2. Feiertag opfern wollen, steht noch offen. Am 27. gedachten wir nach Alpirsbach zu
[2]
| fahren (bis 29.XII.) Am 30. wird vermutlich bei Bährs getauft werden. Am 31. ist ein noch nicht persönlich bekannter junger Biologe Andreas v. Müller wenigstens angesagt – von Göttingen. Am 2.I ist die Dr. Redlich aus Hamburg zu erwarten. Am 6.I muß ich nach Bonn fahren, und in diesem Zusammenhang ist ein kurzes, den beiderseitigen Kräften entsprechendes Wiedersehen bei Vater Philipp in Heidelberg geplant. (Vater Philipp hieß das Militärgefängnis in Berlin, Gegend Lindenstraße.)
Das sind Entwürfe! Mögen sie ausführbar sein!
In letzter Zeit war allerhand Verkehr mit Kollegen (Einladung zu Rothfels', Besuch des Theologen Eltester und des Neugermanisten Ziegler mit Frauengestirn.) Heute An
[3]
|trittsvisite des klass. Philologen Zinn mit Frau. Sein Vater war sehr bekannter Chefarzt am Krankenhaus Moabit. Von denen verspreche ich mir etwas. – Den kleinen Sprößling bei Bährs haben wir auch besichtigt, zum ersten Mal im Hause der Eltern.
Gestorben ist der Mann meiner Lieblingsschülerin bei Böhm, der Elisabeth Borries, verehelichten Christ. Ebenso der Schriftsteller und Romanverfasser Hans Künkel, mit dem ich in entfernter Verbindung stand.
Wir haben gute Abende gehabt mit der Lektüre von Carossa: "Kindheit und Verwandlungen einer Jugend". Mit seiner Tochter Eva Kampmann-Carossa bin ich durch die Kondolation in Verbindung gekommen.
In der Zeitung hast Du von der Verhaftung des Prof. Harich in Berlin
[4]
| gelesen. Er ist eigentlich ein Schüler von mir, allerdings kein regulärer, vielmehr Bohémien-Kommunist. Aber 1944/5 hat er in m. Leben eine Rolle gespielt, 1954 habe ich ihn in Stuttgart wiedergesehen.
In Budapest habe ich noch einen Freund, um den ich sehr in Sorge bin.
Für das Herz bekomme ich jetzt Crataegus = Weißdorn. Ob es etwas wirkt, ist noch abzuwarten.
Alle hier grüßen Dich herzlich. Vermeide alle Anstrengungen, auch mit Briefschreiben. Wo es Dir sehr am Herzen liegt, genügt eine Ansichtskarte mit Gruß. Niemand kann mehr von Dir verlangen.
Mit innigen Wünschen bleibe ich
Dein
Eduard