Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. Dezember 1956 (Tübingen)


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Tübingen, den 31.12.56.
Meine geliebte Freundin!
Deine Grußkarte von Goslar (die wohl 25 Jahre alt sein mag) habe ich zu meiner Beruhigung am 4. Feiertag bei Jenny vorgefunden.
Die Festtage waren eine einzige Reihe von betrüblichen Zwischenfällen. Nachdem Ida am 23.12. unter Blinddarmverdacht in die Chirurgische Klinik gebracht worden war, verzichteten wir auf Weihnachtskaffee zu Hause und Christmesse in der Kirche. Am 2. Feiertag erschien Dr. Bähr allein bei uns, da seine Frau Schmerzen hatte, die wohl noch mit der Geburt zusammenhängen. Am 3. Feiertag fuhren wir gegen 15 hier ab. 2
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| Stunden nach unsrer Durchfahrt fand bei Rottenburg ein Eisenbahnunglück statt. Verletzte wurden in der Nähe von Ida eingeliefert. Hin- und Rückfahrt sind jedesmal eine Tortur. Man braucht 4 Züge und muß überall entweder lange warten oder jagen. – 80 Km 3 Stunden!
Nach der Ankunft in Tübingen fuhr Susanne sofort zu Ida hinauf. Sie erfuhr dort, daß die Diagnose nunmehr auf Gallensteine laute und daß eine Operation nötig sei. Diese findet wahrscheinlich eben, während ich dies schreibe, statt. Wir bangen und hoffen.
Unter der Post fand ich die Nachricht von Landenberger, daß seine Frau sich den Arm gebrochen habe und
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| daher das Zusammensein am 1.I. ausfallen müsse. Am 30. ging Susanne noch einmal nach der Kirche, um den Termin der Taufe sicher zu erfahren. Dort hieß es, die Taufe sei wegen Krankheit des Kindes verschoben! Erst nachm. fanden wir in dem wenig benutzten Briefkasten die Nachricht, es handle sich um Husten u. Schnupfen. Der Großvater aus Wieblingen, der taufen wollte, ist doch wahrscheinlich hier (?)
Gestern Nachm. haben wir Ida, die sehr tapfer ist, noch einmal besucht. Heute und morgen ist es nicht erlaubt. Dann wird zunächst Susanne hingehen. Der Klinikaufenthalt, wenn alles gut geht, ist auf weitere 3 Wochen zu schätzen.
Wir werden teils auswärts essen, teils uns behelfen. Frau Tierok
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| darf ja auch nicht angestrengt werden.
Mit meinen Postsachen bin ich nun fast auf 200.x) [li. Rand] x) Meine Schreibhilfe hat seit dem 20.XII. Urlaub Die Augen sind äußerlich wieder besonders schlecht, da ich vor 3 Wochen bei Wind ausgegangen bin. Genauso war es voriges Jahr zu Weihnachten in Wolfach.
Ich habe die heutige Morgenpost, die 30 Sachen brachte, noch abgewartet und darunter zu meiner größten Beglückung Deinen lieben Brief gefunden. Nun soll Susanne diese Zeilen gleich in dem Kasten mitnehmen. Ich spezifiziere meine Neujahrswünsche für Dich nicht, hebe nur Gesundheit, Zuversicht und Standhaftigkeit hervor. Du weißt ja, wie alles gemeint ist. Beginne also 1957 gut und freue Dich dessen, was die Tage noch bringen. Irgend etwas ist ja nach Fontane immer dabei, wovon man (Du und ich) <re. Rand> sagen darf: "Ja, das möcht' ich noch erleben." Auch für Susanne und für Ida   Dein getreuer Eduard.