Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. Januar 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7.Januar 1956.
Mein geliebter Freund!
Es ist zum erstenmal, daß ich die neue Jahreszahl für Dich schreibe, und auch heut weiß ich nicht, wie lange ich ungestört bleibe! Die große Liste der "Pflichten" ist nur sehr schwach "erledigt" und belastet mein Gewissen! Aber naturgemäß blieb das Erwünschteste zurück, um eine Stunde der Ruhe dafür zu haben. Aber dann war ja meist die Müdigkeit zu groß! Du weißt: "mit mir ist nicht viel los!"
Aber ich wüßte doch so gern, wie Ihr das neue Jahr begonnen habt, was Ihr heut bei dem Besuch bei Landenbergers? über Behandlung und notwendige Schonung der Augen erfahren habt? Ob Du von selbst eine Methode fandest, die Erledigung der Postflut
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| auf eine für Euch beide erträgliche Weise zu bewältigen? Für Deinen lieben Brief vom 2.I. danke ich Dir sehr. Aber versäumt habe ich, mich bei Susanne für das Büchlein zu bedanken, das zu Weihnachten kam. Es ist ein echter Ausdruck unsrer Zeit, wie auch "Das Brandopfer" von Goes, das ich von Frau Buttmi bekam. Der tröstliche Ausgang ist wohltuend und sagt: "wir heißen euch hoffen". –  —
Das Buch von Guthmann, das Ihr gegenwärtig lest, würde ich mir sehr gern einmal von Dir ausleihen. Ich verspreche auch, es gewissenhaft wieder abzuliefern. Naturgemäß kehren meine Gedanken viel zu der "guten, alten Zeit" zurück, die ich hier so bewußt miterlebt habe, und ich forsche so gern in den geistig "Interessierten", die mir hier zugänglich sind, nach den Spuren der damals Führenden. Es
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| ist garzu rasch geschehen, daß ein Name verklingt. Aber er lebt wieder auf, wie ich das z. B. an Rudolf Virchow erfuhr.
Von hier kann ich nur Gutes berichten. Der Besuch von Annemarie Eggert war erfreulich. Sie ist ganz erfüllt von ihrer Arbeit, die jetzt nach dem Examen in tätiger Einwirkung auf Einzelne, die ihr vom Institut in Stuttgart zugewiesen werden, besteht. Am Donnerstag kam sie zwischen 16 u. 17h, und da war zuerst ein Unterkommen zu suchen. Aber nach zwei vergeblichen Anfragen fand sie dann noch allein im Scheffelhaus ("gegenüber") im 3. Stock etwas Zusagendes. Einiges Eßbares hatten wir im Haus, und so hatten wir einen gemütlichen Abend, zu dem auch noch Frl. Reinhard kam, die ihr erwünschte Auskunft über Heidelberger Verhältnisse geben konnte. Früh wie immer war Schluß. Am nächsten Tag, Epiphanias, wartete ich
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| ziemlich lange vergeblich, denn sie war zur Communion in die katholische Kirche gegangen, denn sie Convertit! Was da wohl Heinrich dazu sagen würde? Sie sprach aber von Jugendbünden ev. u. kath. Konfession, die zusammenkämen, um sich zu verständigen. – Schwester Maria bot mir freundlicherweise an, A. mit zu verköstigen, so brauchte ich nicht mit ihr auszugehen und um 15 Uhr ging sie zum Zug nach Stuttgart. —
– Heute morgen nach 10 kam Giesela Gaßner mit Tochter, die mir aber leider viel weniger gefällt als die Mutter. Es war noch nicht aufgeräumt und während ich sie zu unterhalten und mit Weihnachtsgutseln zu füttern suchte, kamen Hedwig Mathy und ihre holländische Schwester, von der Du aus Garmisch-Partenkirchen weißt. – So ein Zusammentreffen bringt mich dann etwas aus der Fassung und ich
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| war froh, als sie gingen, wie das Mittagessen kam. Danach schlief ich mehr als 2 Stunden. Das ist wohl eine natürliche Reaktion, aber ich habe doch in steigernden Maße das Gefühl zu versimpeln. – Auch nach dem sehr hübschen Zusammensein bei Franzens am 2. Feiertag mußte ich gründlich ausschlafen. Aber ich habe ja äußerlich die Zeit dazu. Doch es sammeln sich Flickereien und dergl.! und vor allem Briefschulden, die ich nicht zu dauerndem Abbruch werden lassen möchte.
Im Haus sind die Beziehungen ruhig und freundlich, mit der Nachbarschaft gegen die Straße distanziert aus Notwehr. Teilweise diene ich als Leihbibliothek. Ich bin froh, daß es sich so einrichten ließ, und will nur hoffen, daß es so bleibt. "Gebranntes Kind scheut das Feuer", und man ist ein wenig abergläubisch, etwas zu "berufen".
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Mancherlei Anzeichen berühren mich als eine allgemeine Wendung der Geisteslage zum Religiösen, von der Du schon in früheren Briefen an mich schriebst. Ich bilde mir ein, trotz aller Naturanschauung dieses Band nie ganz verloren zu haben, aber ich scheue noch immer die traditionelle Sprache. Unser Missionar hat da immer einen echt menschlichen Ausdruck in seinen Ansprachen. Am Mittwoch d. 11. kommt er wieder und noch steht der schöne Tannenbaum bei der Schwester im Zimmer.
Ich bin sehr froh, daß der Aufenthalt in Wolfach so angenehm verlief. In der Zeitung soll gestanden haben, daß der Pour le merite in Bonn versammelt war, ich habe es nicht gelesen, und Du erwähntest es nicht. Jedenfalls war es so besser für Dich. Aber auf den 3./4.II. hoffe ich doch ein wenig. Heut noch viel innige Grüße von
Deiner Käthe.

[] Und viele Grüße den Andern!