Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11./12. Januar 1956 (Tübingen)


[1]
|
Heidelberg. 11. Januar 1956.
Mein geliebter Freund!
Nur einen Gruß möchte ich Dir schicken, und Dir sagen, daß ich noch so vielerlei schreiben wollte und daß mein letzter Brief so unzulänglich war. Wie intensiv habe ich Adenauers Geburtstag mitgefeiert; ganz innig erfreute mich Deine Befriedigung über Deinen Auftrag für Bonn. Abend für Abend vertiefte ich mich in die Festschrift für Fechner und erkannte dabei plötzlich, woher mir der Name so wohlbekannt vorkam. Denn das Büchlein: "Der Zauberer Gottes" ist eine besondere Liebe von mir. Aber Titel und Autor waren in meinem Gedächtnis nicht mehr verknüpft. Das ist eine Alterserscheinung, wie sie mir jetzt jeden Tag begegnen kann
[2]
| und mich sehr bedrückt und schmerzt. Denn mit Zusammennehmen ist da wenig zu helfen, Ich lese natürlich mit besonderer Aufmerksamkeit die Zeitung, aber ich habe niemand, der mir zu einem sicheren Verständnis verhilft. Und was man nicht versteht, vergißt man ganz besonders schnell. Ich habe da nur eine Art gefühlsmäßigen Eindruck, der aber meist recht dunkel, (in doppeltem Sinne) ist.
So frage ich mich z. B. wer ist Eschenburg? Hat er das Recht, die Badisch-Würtembergische Verfassung die schlechteste zu nennen? Überhaupt artet doch der politische Meinungsstreit garzu oft in persönliche Grobheiten aus. Aber ruhige Sachlichkeit ist nicht wirkungsvoll genug in dem Handgemenge der Ansichtskämpfe.
Da stand neulich eine kleine Episode in unsrer Zeitung. In Gegenwart von Schweitzer war eine lebhafte Disputation über Kultur, er aber
[3]
| wurde ganz absorbiert von einer Biene, die sich hinter dem Fenster verfangen hatte. Er stand auf und beförderte sie mit Sorgfalt ins Freie. Sehr froh und befriedigt kehrte er auf seinen Platz zurück, da fragte man ihn nach seiner Meinung zur Sache. "Ja, gewiß das mit der Kultur ist eine ernste Sache. Man sollte nur endlich einmal damit anfangen!" – Werden das die Leute verstehen?
Heute hatten wir wieder eine Ansprache des Stadtmissionars, die mich immer als echt und warm berührt. Von Annemarie Eggert, von Donnerstag auf Freitag voriger Woche, schrieb ich schon. Hättest Du wohl zufällig eine Gelegenheit da eine Stellung zu vermitteln? Examen gut, Interesse lebhaft, nicht psycho-analytisch.
Heute war Frau Frobenius kurz da, während des Mittagsschlafes. Morgen wird da wohl Frl. Dr. Clauß erscheinen!! Das liebe ich nicht sehr und ist eigentlich zwecklos. Beides; aber
[4]
| bei mir gehen ja dadurch keine wertvollen Gedanken verloren wie bei Schopenhauer. Auch meine Radio-Nachbarin muß ertragen werden. Missionar Guter (ich weiß doch immer noch nicht, wie er sich schreibt!) sprach von Frieden in Gott und Versöhnung (2. Corinther 5.20) und von Sanftmut unter einander. Er wird wohl denken, solche Ermahnung tut hier not.
Morgen will ich so früh wie möglich in die Stadt [über der Zeile] in "viererlei Hinsicht". Und abends hoffe ich auf Frl. Reinhard. Ob Norbert Matussek jetzt eine definitive Stellung und eigne Häuslichkeit hat? Hier reichen die Nachrichten nur bis übers Fest.
Recht von Herzen hoffe ich, daß Du zu der Sitzung am 3./4.II. reisen kanns,t und hoffe, auch für mich auf ein nicht allzu kurzes Wiedersehen. Was hat der Augenarzt aus Esslingen geraten? – Ich danke für die beigefügten Grüße und erwidere [über der Zeile] sie herzlich. Immer in treuer Liebe
Deine Käthe.

<3 beigelegte Zettel>
[5]
|
Gerade hatte ich den gestern abend geschriebenen Brief zugeklebt, da kam der Deinige. Viel herzlichen Dank, für Schreiben und "Druck".
Was hatte Dr. Landenberger von seinen Erfahrungen Deinen "Fall" betreffend gesagt? Ist die Diagnose überhaupt allgemein üblich?
[6]
|
Sei doch recht vorsichtig, Dich nicht wieder durch Medikamente zu schädigen!!
[7]
|
Die Schwester von Hedwig Mathy war früher in Mannheim, heißt Leoni, hatte den Übernamen Judith wegen ihrer Heirat. Sie waren dann emigriert. Aber dazumal war sie Kurgast in PartenkirchenWitting. Ist garnicht wichtig. — Heut nur die rasche Nachricht und nochmals lebhaften Dank und viele herzliche Grüße!
Deine Käthe.