Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. Januar 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18.I.1956
Mein geliebter Freund!
Es erscheint mir höchste Zeit, daß ich Dir mal wieder schreibe, denn es sammelt sich schon so viel an in meinen Gedanken, wovon ich Dir nichts erzählt habe. So als erstes, daß Bertha v. Anrooy ganz begeistert von Deinem Hausmusik-Büchlein war, es 6x verschenkte an lauter Musikliebende, so auch an den Astronomen Mündler hier, der ihrem Beispiel umgehend folgte! Er ist auch mit Mathys bekannt, seit er pensioniert ist in Neuenheim wohnt und mit Gretel Franz gelegentlich musiziert. – Diese Erfolge sind ja nun nicht das Wichtigste für Dich, aber ein wenig freut es Dich doch auch. Denn im allgemeinen ist doch nicht allzuviel, worüber man sich freuen kann.
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Aber da war wieder ein sehr hübscher Jahresbericht von Häbler auf der Tüllinger Höhe. Er ist wieder von einer so freudigen Grundstimmung, daß es wohltut. Es scheint auch der Familie gesundheitlich gutzugehen, manchmal klang sonst etwas Sorge durch.
Wenn ich doch nur schon annähernd mit den Danksagungen für all die lieben Grüße zu Weihnachten und Neujahr fertig wäre. Aber es gibt so manchen Tag, an dem ich mich nicht dazu aufraffen kann. Die ewige[] n Barometerschwankung[] en bedrückt[] en mich auch sehr. Hier im Haus waren sie auch manchmal zu spüren, aber es ebnet sich immer wieder ein.
Mit Hedwig Mathy konnte ich gestern aus der Peterstraße ein altes Bild vom Speicher holen, das ich Anneliese v. Schlotheim, geb. Malcus schicken will, die Verlangen nach dem allgemeinen UrUrgroßvater Martins hat, dem Berghauptmann,
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| der ja auch bei mir im Rahmen an der Wand hängt. Sie will ihn im Wohnzimmer als "seelischen Ahnherrn der Familie" aufhängen.
Übermorgen ist nun der Tag, an dem ich im Rundfunk Deinen Vortrag zu hören hoffe, um 20.45 ist angesagt: "Heidelberger Studio, Mensch und Menschlichkeit" 1. Folge: E. S. Vom Umgang mit Menschen. – Frl. Schumann, eine frühere Klavierlehrerin, die auch hier im Heim ist, will mir für den Abend ihren Radioapparat leihen. Denn nach 8 Uhr sind wir doch normalerweise ans Zimmer gebannt, und sie wohnt direkt neben der Schwester und ist leidend, sodaß sie früh zur Ruhe geht. Möge es klappen! Denn auszugehen ließe sich nicht einrichten.
Was ist denn die Erkrankung von Frau Bähr in Wieblingen, daß sie trotzdem nach Tübingen fahren konnte? Allgemeine Schwäche?
Überall fehlt es jetzt an der nötigen Hilfe! Da war eine traurige Statistik über die mangelnde
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| [über der Zeile] häusliche Versorgung der Heidelberger Schulkinder. Und gleichzeitig die vielen Entlassungen in den Fabriken! Die Gewerkschaften kommen etwas spät zur Einsicht. – –
Und auch in den geordneten Familien ist die Schonung für den einzelnen nicht mehr genügend möglich. – Du ermahnst mich immer so lieb, abzuwinken, wo Du es doch nötiger bei Dir selbst tun müßtest. Ich habe ja doch garnichts mehr zu leisten! Es langt aber selbst da nicht so recht, und ich verschreibe mich fortwährend.
Darum will ich nur aufhören und nur noch recht viele gute Wünsche für alle Beteiligten anfügen und herzliche Grüße.
Immer in treuer Liebe
Deine
Käthe.