Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Januar 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25.I.1956.
Mein geliebter Freund!
Dein lieber Brief hat mich, wie immer jetzt trotz aller Freude, die er mir brachte, durch die Nachricht über die Augenentzündung recht betrübt. Daß man doch immer an der empfindlichsten Stelle getroffen wird! Ich verstehe so gut, wie schwer Du die Behinderung Deiner gewohnten Tätigkeit empfindest. Aber ich hoffe, Du wirst einen modus vivendi finden, der Dir das Fehlende ersetzt. Der Verdacht auf die Tablette wegen der Entzündung leuchtet mir sehr ein. Zunächst wird ja aber wohl Schonung das Beste sein. Mir ist wegen vieler Schmerzhaftigkeit auch etwas verordnet, was ich nur einmal und nicht wieder anwendete!
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Eine große Freude aber ist mir die Aussicht auf Dein Kommen in der nächsten Woche. Möge ein guter Stern über diesem Plan stehen! – Aber Deinen Rundfunkvortrag konnte ich diesmal ganz ungestört hören. Der kleine Apparat von Frl. Schumann war in meinem Zimmer, und es war beim Klang Deiner Stimme ganz so, als wärst Du gegenwärtig. – Wer hier von meinen Bekannten Deine Rede gehört hat, sprach mir sehr interessiert und verständnisvoll davon. – Wirst Du eigentlich den Vortrag über Ehrfurcht für die gleiche Reihe der folgenden Freitage halten?
Ausgehen tue ich eigentlich jeden Tag, wenn auch nicht gerade an den Neckar, denn ich scheue möglichst die verkehrsreichen Straßenübergänge. Es gibt ja in diesem Längstal
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| zuzeiten eine ununterbrochene Kette von schnellfahrenden Autos. Aber ich habe meist irgend einen Einkauf in der Stadt zu machen und suche mir dafür die angenehmsten Straßen, oder meist gehe ich zum alten Bahnhof und freue mich, wenn die Sonne draußen hinter dem weiten, leeren Raum den neuen Bahnhof anstrahlt. Zu uns kommt sie selten, der Berg ist zu nah! – Da kann ich dann bei der Gelegenheit einen Brief in der Hauptpost einwerfen oder – wie heut – auf der Bank wegen meiner bescheidenen Moneten verhandeln. Das ist mir immer sehr unangenehm und regt mich auf, denn ich verstehe eigentlich nichts davon.
Die Schreibschulden lichten sich etwas, und bis Du kommst, hoffe ich fertig damit zu sein.
Die Todesfälle der alten Leute reißen nicht ab. Aber wohl allen, die ohne lange Quälerei
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| das Leben beschließen konnten. Ich fürchte am meisten ein allmäliges geistiges Versagen!
In der Zeitung war ein kleiner Artikel über die Festschrift von Litt mit Geleitwort von Dir und Rößler, den ich noch länger und öfter lesen will, denn "die Wiedererweckung des geschichtlichen Bewußtseins" ist meiner konservativen Natur sehr entsprechend, wenn ich auch für das lebendige Neue (z. B. in der Kunst) durchaus zugänglich bin.
Ich sehne mich recht, mit Dir einmal wieder sprechen zu können, aber ich weiß schon, daß ich die rechten Worte nicht finden werde. Das ist das Erbe der Martinsschen (?) Schweigsamkeit!
Herzliche Grüße an alle! Immer im alten Sinne Dir von
Deiner
Käthe.