Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. Februar 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23.II.56
Mein geliebter Freund!
Einen sichtbaren Gruß möchte ich doch gern schicken, damit Du weißt, daß ich auch das 85! Jahr wieder mit liebevollen Gedanken für Dich beginne. Durch die Begleitkarte bei dem Brief von der "unvollkommenen Scheibe" hast Du mir schon im voraus eine herzliche Freude bereitet. Daß Ihr bei der sibirischen Kälte keine Nachtlager in der Ferne suchtet, hatte ich gehofft. Ob Niemeyers so gut geheizt hatten wie Ihr? Hier habe ich durchaus das wärmste Zimmer auf dem Stockwerk, nicht durch meinen Geiz, sondern durch meine große Vorsicht in der sachgemäßen Behandlung des Ofens, und auch der kleine Strahlofen findet angenehme Verwendung. Trotzdem bleibt meine Tendenz zum Winterschlaf die übliche. –
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Ist der Schrade der frühere Heidelberger? Es gab auch einen Bruder, der Akademiker war. Der hiesige ist mir besonders durch seine Vorträge über Marré (?) sehr aufschlußreich geworden.
Und damit komme ich auf das Buch von Guthmann. Da hatte ich wohl eine falsche Erwartung, besonders für die Kuno-Fischerzeit. Für uns war er so zu sagen der erste Akademische Lehrer, der uns zugänglich wurde. Aber man empfand ihn durchaus als alt. Er las in der alten Aula, und es war ein sehr reichliches Damenpublikumx. [li. Rand] x während er vordem selbst Marianne Weber höflich am Arm hinausgeführt haben <Fuß> sollte. Mein Bruder Kurt wollte sich einen Platz auf den Bänken mit Schreibpult erobern und geriet dabei an Frl. Arnold, die alte Freundin Fischers, und die Sache kam zu einer Auseinandersetzung. Bei der persönlichen Aussprache sagte Kuno: "Seien Sie doch ein wenig galant, junger Mann", was Kurt mit Recht als wenig am Platze fand.
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| Und die Bezeichnung "Junger Mann" vertrug er schon garnicht. – Zu dieser Zeit war Kuno, so viel ich weiß, schon Witwer, und es war wohl sein Abschied vom Beruf. – Durch seine Schwägerin aus erster Ehe, die im Haus über Knapsens wohnte, hörten wir von allerlei originellen Aussprüchen aus seiner letzten Lebens- und Krankenzeit, und auch sonst gingen ja Äußerungen seiner Eitelkeit von Mund zu Munde. Sehr fesselnd waren seine Vorträge nicht. In dem Bestreben, "ein Ganzes" zu geben, fing er immer mit endloser Wiederholung an, und nur ein kurzes Schwänzchen war ein Fortschritt. Kurz, wir lernten erst den "alten" Mann kennen.
Aber zu jener Zeit waren andere interessante Männer hier, es war die Feier der erneuerten Uni (1903?). Ich gewann durch Dietrich Schäfer und Gothein die Überzeugung, daß nicht durch Jahreszahlen der Schlachten und Siege, sondern durch
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| kulturellen Fortschritt "Geschichte" entsteht.
In den Erinnerungen von Guthmann stört mich meist ein ästhetisches Schwelgen, was ich mir aus der großen Verwöhnung seiner ganzen Lebenslagen und Entwicklung erkläre. – Aber ich bin ja noch in der Mitte des dicken Buches und warte noch auf das innere Resultat.
Das Ganze war mir so etwas das männliche Gegenstück zu der Henriette Herz, die ja auch zu Charakterlicher Reife kommt.
Einen überraschenden lieben Brief bekam ich von der jüngsten Tochter meiner Schwester Aenne, Hilde Bauer, aus dem T.b. Heim in Berka, sehr ernst, aber tapfer und zuversichtlich. Möchte sie doch für ihre drei Kinder wieder gesund werden!
Und nun will ich den Brief noch drüben in den Kasten bringen, daß er hoffentlich! – morgen um 6 Uhr zur Bahn kommt.
Viele warme Grüße an Euch alle und einen innigen für Dich von
Deiner Käthe.