Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7./8. März 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7.III.56.
Mein geliebter Freund!
Vielen herzlichen Dank für Deinen lieben Brief vom 4. März, und für seinen materiellen Inhalt. Ich hatte ja längst mal wieder schreiben wollen und nicht warten, bis Du Zeit für mich für einen Brief haben würdest, aber es [über der Zeile] ist eigentlich ständig etwas "zu erledigen", und das innerlich Erwünschte muß zurückstehen. Dann gibt es auch immer Tage, wo der Kopf so müde ist wie das Neckarufer bei Hochwasser und die Gedanken nicht festzuhalten sind. Dann tue ich am besten, still auf dem ebenso lahmen Lehnstuhl zu sitzen. – Als Du mir rietest, täglich bis zum Neckar einen kleinen Spaziergang zu machen, war die Scheu vor den vielen Straßenübergängen bei mir noch ein lebhafter Gegengrund. Dann kam die Schneeschmelze, die schwer zu Fuß zu überwinden war, aber als die Zeitung meldete, der Neckar werde gesprengt, um Abfluß zu schaffen, wagte ich mich
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| hinaus, aber zunächst war die Fläche noch eben, und nur eine einsame Krähe suchte den Rand einer Pfütze ab, flog aber unbefriedigt davon. – Gleich beim nächstenmal aber war schon das Eis gebrochen, und der bräunliche Strom fuhr mit riesiger Schnelligkeit und Wucht in mächtigen Wogen vorbei. Am nächsten Tage, Sonntags, strömte einem das Wasser schon in den Gassen von der Hauptstraße neckarabwärts schon halbwegs entgegen, und nur um die Stadteile herum konnte man noch ans Ufer kommen. – Es war ein sehr mächtiges Naturschauspiel, aber für manche Wohnungen in der Altstadt mußte mit Kähnen Hilfe gebracht werden und Unmengen von Schlamm blieb zurück. – Ich dachte gleich an Eure Ammer, aber auch der Neckar wird wohl die Insel und das Hölderlin-türmchen umspült haben. – Es war hier ja keine eigentliche Gefahr, man hatte den Eindruck, es sei in der Hauptstraße
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| eine Prozession ab und auf, um das Schauspiel zu sehen. Es war doch wirklich "etwas los". Das Wasser spülte auch auf den Uferstraßen mit großer Geschwindigkeit.
Zwischendurch wurde auch gewählt, aber da ging es ruhiger zu. Ich hatte es bequem, in der Plöck gleich um die Ecke in dem Hölderlin-Gymnasium, außer mir nur noch ein Mann, aber 4 Beamte!
Mich hat in all den Tagen sehr Deine Schilderung der geistigen Atmosphäre der Mittwochsgesellschaft beschäftigt und wie alles aus jener Zeit unheimlich bedrückt. Manche Einzelheit war mir neu, denn die Mitteilung damals war ja "zur Heimlichkeit gezwungen" – (so sehr, daß ich noch lange danach erst wieder unbefangen schreiben lernte). Deine Hochachtung für Beck und seine Opfertat ist rückhaltslos zum Ausdruck gekommen. Möge uns das Schicksal vor ähnlichen Zeiten bewahren! Ist doch Politik eine ebensolche Naturmacht Unberechenbarkeit wie dies Hochwasser.

8.III. Gestern war es zu spät geworden, und heut war der Vormittag, an dem die häusliche Hilfe mein
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| Zimmer reinigt, da war keine ruhige Zeit, und jetzt scheint einem so nett die Frühlingssonne, daß es schon ein Brief an Dich sein muß, der mich am Ausgehen verhindert. Wenn es doch am 23.–25. auch solch Wetter wäre! Hoffentlich darf ich Euch bei der Ankunft am Bahnhof treffen und Euch wenigstens begrüßen, um das genaue Programm zu hören. – Sollte Susanne an dem Vortrag vor dem geschlossenen Kreis nicht teilnehmen, wäre ich sehr froh, sie einmal für mich zu haben! Sonst aber bestimmt, während Du Herrn Hillig besuchst.
Die Ereignisse Eures täglichen Lebens drängen sich wirklich in unheimlicher Weise, aber ich bin glücklich, daß Du die energische Absicht hast, den April freizuhalten. Möchtest Du es wirklich durchführen! Magst Du auch in Überzeugungen und Zielen in vieler Richtung mit Schweitzer übereinstimmen, seine unverwüstliche robuste Natur hast Du doch nicht, und Du mußt für die Erhaltung Deiner Kraft sorgen. – Vorher wirst Du sie noch gehörig brauchen! Am Tage der Bibliothekare
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| d. 12.III. wird Elsbeth Wille-Gunzert Geburtstag haben und ich hoffe, ihr Blumen zu bringen. Sie hat mir, obgleich ihr das Gehen sehr schwer wird außer Wein und Kuchen 5 große dicke Briketts gebracht, die mir den Ofen prachtvoll warm erhielten. Das ist ganz im Sinne ihrer guten Mutter, die auch zeitlebens an meinen Geburtstag dachte, sogar als ich schon in Rohrbach war und nicht mehr in ihrer Nachbarschaft. – Ich muß oft [über der Zeile] grübeln – auch besonders im Zusammenhang mit der Drucksache vom 25.II. – über den Wandel in der Gesinnung im Allgemeinen. Es ist ein unheimliches Geflecht von Ursache und Wirkung, was wir erleben müssen. Man gab sich so lange mit Vertrauen dem Glauben an gesunde Tradition hin, aber eigentlich empfindet man sie jetzt immer wie einen Glücksfall, wo man sie trifft.
Sehr betrübt bin ich seit einem Besuch Héraucourt's über das Schicksal der armen Hanne. Jetzt endlich zu Neujahr wurde ihr Gehalt entsprechend erhöht, wie es längst hätte sein sollen, und nun
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| ist ihre Energie erschöpft. Sie bekam durch eine Grippe einen Rückfall ihrer Gelenkentzündung (s. Z. durch septische Angina), und damals war das Penicilin? noch unerschwinglich. Seitdem hat sie endlos Spritzen bekommen, aber gesund wurde sie nicht, nur eine bewundernswerte Energie hielt sie aufrecht. Ihr kennt sie ja, und Mutter und Tochter sprechen dankbar von Euren Besuchen in Reutlingen. Jetzt scheint ihr tapferer Widerstand gebrochen, obgleich der Chef, der ihr das Leben oft unnötig schwer machte, sie sehr vermißt und schon zwei anerkennende Briefe schrieb. – –
Jetzt sollen diese Zeilen noch in den Briefkasten, der 19½ geleert wird! Ich bitte um Entschuldigung wegen mancher eiligen Schmiererei, die Feder hält nicht immer Schritt mit der Absicht! Aber die Absicht ist gut, das weißt Du ja, und die liebenden Gedanken und guten Wünsche gehen auch dem wilden Neckar entgegen nach Tübingen. Recht herzliche Grüße an alle und Dir nochmals Dank und innige Liebe von Deiner Käthe.