Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. März 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11.III.56.
Mein geliebter Freund!
Schon wieder ist es Sonntag geworden und auch die Sonne läßt sich sehen, wenn auch etwas verschleiert. Die Woche hat die Spuren des Winters beseitigt und auch die Straßen sind wieder passierbar. Zu mir kommen zwar trotzdem wenig Leute, aber sehr überraschend und erfreulich kam Dr. Rudolf Nitsche, der junge Chemiker aus der Familie Drechsler, der jetzt in Erlangen bei Simens u. Halske in der Forschungs-Abteilung angestellt ist und zum Geburtstag seiner Schwester mal wieder herkam. Mit ihm war ich immer in gutem Einvernehmen, und dies Wiedersehen war sehr hübsch, wie mit allen der Familie außer – – die nichts von sich hören läßt
Auch Gisela Gaßner kam gestern mal wieder,
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| und brachte einen ganzen Haufen Familien-Papiere mit, denn da ist sie Specialistin. Aber dabei ist eine Broschüre von 1939, die mir doch eine Menge Erinnerungen weckt an Personen und Namen, die vor grauen Jahren an meinem Horizont vorübergezogen und an die ich niemals wieder dachte.
Mehrmals habe ich abends das Buch von Guthmann vorgeholt und im weiteren Verlauf wachsendes Interesse und Sympathie gewonnen. Hoffentlich vermißt Du es noch nicht? Denn ich lese langsam und blättere dabei immer auch wieder zurück, denn es ist eine solche Fülle von Beziehungen, die ich gern genauer verfolgen möchte. Ich bin jetzt mit ihm in Schreiberhau. – Frl. Dr. Clauß machte neulich eine Bemerkung, die sie aber gleich bat, diskret zu behandeln, also nicht weiterzugeben. Ihre Cousine, spätere Frau Timann [unter dem Namen] ?,
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| hätte damals als junges Mädchen den Großvater gefragt: da hast doch gewiß große Freude an den Beiden? – Er habe geantwortet: Es ist ein sehr lieber Mensch, aber etwas Tüchtiges wird nicht aus ihm werden! — Ich schreibe das Dir nur zur eigenen Rechtfertigung, weil ich zunächst einen eigentlichen Tiefgang in der blendenden Darstellung vermißte. –
Ein psychologisches Gegenstück fiel mir dabei ein: Das Mißfallen von Johanna Wezel an Anna Weise,: der verwöhnten Frau in anspruchsvoller Häuslichkeit. Was sie innerlich war und ist, konnte sie nicht sehen. –  –  –
Und nun habe ich noch eine ganz persönliche Sache. Es betrifft die unausbleibliche Übersiedelung aus diesem Haus in den Neubau – oder den alten Bau in der Landfriedstraße, den wir mal vom Hof aus ansahen und der dort recht still und abgeschlossen liegt, und in dem eine Treppe hoch ein [über der Zeile] großes sonniges Zimmer
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| mit der Hofseite frei wird. – Ich ging kurzentschlossen am Freitag in die Sprechstunde von Herrn Stadtmissionar Guther und erfuhr dort zu meinem Erstaunen, daß in dem Neubau die größeren Zimmer schon alle vergeben sind. Diese aber offenbar auch zu teuer wären. Ich hätte mir doch früher mal etwas Gewisses über den Fall verschaffen sollen, aber ich war damals nur zu bereit, abzuwarten und erst mal zur Ruhe zu kommen. – Die Beibehaltung des alten Hauses sei nun aber auch nicht dauernd gesichert, sonst wäre ich dafür entschieden mehr, weil es nicht den Massenbetrieb hat. Und Montag will ich versuchen, Herrn Guther nochmals zu sprechen.
Und jetzt will ich den Brief noch fortbringen und darum nur noch viele herzliche Grüße hinzufügen und gute Wünsche für Deine so ausgefüllten Tage! In stiller Erwartung des Wiedersehens zähle ich die Tage. Deine Käthe.
[li. Rand] Morgen ist der Vortrag für die Bibliothekare!