Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13./14./15. März 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg.13.III.56.
Mein geliebter Freund!
Heut war ein wunderschön sonniger Tag, den ich an meinem Fensterplatz sehr genossen habe. Mir war, als wäre Sonntag, so festlich. Du hattest vor, nach Eßlingen zu fahren, hoffentlich war Dir da nicht der lebhafte Ostwind störend. Ich bin am Vormittag bei Heinrichs und Frau Buttmi gewesen, vom alten Bahnhof natürlich per Elektrische. Ich bin immer erstaunt, wie wenig Wagenverkehr da draußen ist, sie wollen es aber natürlich nicht zugeben!!
Gestern war ich zu einem recht netten Kaffee bei Elsbeth Gunzert, und vormittags bei dem Missionar auf dem Büro, wo ich erfuhr, daß er das Zimmer in dem alten Heim in der Landfriedstraße bereits vergeben hat. Es ist eigentümlich, wie der "Zufall" mir immer in
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| kritischen Momenten eine Lektüre in die Hände gibt, so jetzt das letzte Stück von der "goldenen Frucht",: wie der verwöhnte Liebling der Götter so unstet aus seinem gewohnten Leben getrieben wird. Und wie auch er zu der Erkenntnis einer höheren Macht gelangt. So denke auch ich, es wird sich in allem ein tieferer Sinn zeigen, wenn man nur bereit ist, ihn zu sehen. Hat sich das nicht immer wieder in meinem Leben gezeigt?
Also am 22.III. fahrt ihr nach Ravensburg, das ich noch gut in Erinnerung habe. Es war uns auch damals nur Absteige-Quartier, und Weingarten liegt, so meine ich, etwas östlich davon gegen einen ansteigenden Berg mit Wald. Eine etwas traumhafte Vorstellung verbindet sich für mich dabei mit einer Wanderung durch ein Wiesental zwischen Waldrändern gegen eine Art Gralsburg – ? –

14.III. Bei 4°R hat nasser Schnee eingesetzt und die Welt sieht ungemein trübe aus. Da kam
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| Dein lieber Brief [über der Zeile] vom 13. sehr zur rechten Zeit und hat mich mit innerem Sonnenschein erfüllt. Von ganzem Herzen danke ich Dir, daß Du in all der Unruhe und den vielseitigen Ansprüchen Deiner Umwelt Dir die Zeit für mich genommen hast! Ich hatte gezögert, Dir von den Schwierigkeiten zu schreiben, die sich für mich aufgetan hatten, und ich ließ nach der ersten schlaflosen Nacht erst ein paar Tage vergehen, bis sich das Gemüt gesetzt hatte! Jetzt habe ich das "Unabänderlich" gesehen, und will das Beste daraus machen. Denn als ich nach der Andacht den Missionar Guther um eine Unterredung bat, mußte er dringend zu einer Sitzung, die er für die Stunde bei uns unterbrochen hatte. Er ist wohl der Zuständige, wie er sagt, aber es scheint mir, als ob er nicht eigentlich der Geeignete ist, auch nicht finanziell genau orientiert. Er hat mir damals, als ich kaum hier eingezogen war, ein Zimmer in der Landfriedstraße angeboten, weil ich meine Abneigung gegen den Neubau äußerte, aber er wußte überhaupt nicht, welches
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| Zimmer das sei, und ich überzeugte mich später, daß es garnicht in Frage kommen konnte.
Jetzt will ich nun das bisherige mit Bewußtsein doppelt genießen, das heut (15.) wieder voll strahlender Sonne war, und erst von Sept.–Okt. an ein Ende für mich hat. Zudem wird offiziell betont, daß das Haus in der Landfriedstr. nicht mit 100°iger Sicherheit in Betrieb bleibt.
So wenden sich meine Gedanken ausschließlich der Hoffnung auf Euer Kommen zu. Lieb wäre es mir, wenn ich Euch am Bahnhof ganz kurz begrüßen dürfte, um zu sehen, wie Dirs geht und Dir "Hals- und Beinbruch" zu wünschen, was aber nicht ausschließen sollte, wenn später Susanne Zeit für mich hätte. Denn das wäre sehr schön für mich. Ich möchte aber möglichst bald gern hören, wie Ihr dann beschlossen habt, Eure Zeit [über der Zeile] sonst einzuteilen, und wo Ihr logiert.
Noch ist eine Woche Zeit bis zum Vortrag in Weingarten, dann kommt Heidelberg an die Reihe! Nimm lieber die Mittel von Harms nicht mehr, das Allgemeinbefinden ist doch wichtiger! Ich denke beständig mit innigen Wünschen an Dich und grüße <li. Rand S. 4> Euch sehr herzlich. Nur für Dich und durch Dich Deine Käthe.
[li. Rand S. 1] Eben grüßt die feine silberne Sichel des zunehmenden Mondes den Abendhimmel .

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Morgen werde ich nochmals in die offizielle Sprechstunde gehen, und da ich so sehr für Luft und Licht bin, würde ich, wie ich glaube, besser tun, [über der Zeile] und nicht 1 Treppe, sondern 2 Treppen hoch das Zimmer (13 □m) vorziehen, (es gibt Aufzug!). Wenn sie noch Geld genug haben, wird angebaut und da würde es vielleicht Schatten geben. Ich hoffe morgen ehrliche Auskunft zu bekommen!