Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17./18. März 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17.III.1956.
Mein geliebter Freund!
Wahrscheinlich ist Dirs recht, wenn ich Dir Auskunft gebe über die weitere Entwicklung der Wohnungssache. Viel ist dabei nicht herausgekommen, und vermutlich habe ichs mal wieder verkehrt gemacht. – Also ich bin gestern wieder in der Sprechstunde des Herrn Stadtmissionars Guther gewesen und habe ½ Stunde mit ihm verhandelt. Also er hat in der Tat über die Verteilung der Zimmer zu bestimmen, aber ein irgend persönliches Urteil hat er nicht dabei. Er geht "der Reihe nach", und individuelle Bedürfnisse spielen weiter keine Rolle. Er hat die Pläne der 3 Stockwerke, und da werden die Namen eingeschrieben. Aber er hat mir angeboten, wenn erst Treppen im Haus sein werden! mal mit mir hinzugehen. Das ist nun mein Fehler gewesen, daß ich nicht annahm, in diesem unfertigen
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| Rohbau würden schon die Zimmer definitiv verteilt. Als ich eigentlich [über der Zeile] hinging nur, weil ich von dem leerstehenden Zimmer in der Landfriedstraße unter der Hand hörte, waren ja die großen Zimmer alle schon fort. Ich hatte doch bekanntlich beschlossen: die Sache abzuwarten. So mußte ich froh sein, noch ein Zimmer nach der Sonnenseite zu bekommen. Die Aussicht gegen Osten ist ja schöner, aber ich bin doch so für Wärme. Am Freitag also fing ich wieder von dem alten Haus an, in dem mich das Zimmer lockte, und er betonte wieder, daß das Haus möglicherweise zu einem anderen Zweck bestimmt werden würde. Das könne bald sein oder auch später. Wenn ich aber das Zimmer wolle, so würde er das dem gegenwärtigen Interessenten mitteilen, das sei dann aber definitiv! – Ich sehe das ja ein, aber ich konnte doch nicht so ohne Dein Urteil mich entscheiden, da Du eigentlich etwas Bedenken hattest. So bleibt es also bei dem kleinen Raum:
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| 4m,5 – zu 3m,20. Ich zeichnete mir auf dem Plan das Format ein, und werde jetzt abends damit ein Geduldsspiel einrichten, um es mit den Möbeln, die darin unterzubringen sind möglichst wohnlich zu machen. Es wird sehr eng sein, denn es ist nur etwas über die Hälfte meines jetzigen Zimmers, aber ich hoffen doch, daß die zunehmende Beschränkung meinem Mangel an Übersicht zugute kommen wird und das viele Suchen dann aufhört. Aber freilich die neue Einteilung wird dann erst wieder Gewohnheit werden müssen! –
Ein etwas tröstlicher Eindruck war mir, daß nach der Entscheidung, Frl. Seidel mir sagte, sie hätte von dem freiwerdenden Zimmer gewußt, hätte mir aber nichts gesagt, um mich nicht unnötig zu beunruhigen; denn sie hätte nicht dazu geraten. Sie hätte kürzlich miterlebt, wie eine Schwerkranke recht hilflos in ihrem Zimmer geblieben wäre, während im neuen Heim auch für Pflege gesorgt würde. Sie selbst strebt jetzt auch dorthin, aber augenblicklich ist nichts mehr frei!!
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Ich bin froh, daß ich durch allerlei andere Erlebnisse vom Grübeln über die unliebsame Entscheidung abgelenkt werde. Erstlich lese [über der Zeile] ich immer noch viel in dem Buch von Guthmann. – Zweitens hat mir Herr Buttmi mit Begeisterung die Biographie von Harnack (von seiner Tochter) empfohlen, die mir teilweise von früher bekannt ist. (Agnes v. Zahn-Harnack traf ich mal in Jena bei Weinel's.) Jetzt im Aufschlagen traf ich gerade auf die Besprechung seiner Stellung zum Apostolikum, was mir noch gut in Erinnerung ist. – Drittens habe ich noch immer alte und neue Briefe zu beantworten, an denen mir liegt! – Viertens habe ich heut vormittag, da ich Rösel Hecht nicht antraf, von Neuenheim bei etwas verschleierter Sonne und duftiger Frühlingsstimmung den Weg am Neckar bis zur Brücke beier Chirurgischen Klinik über die Brücke bis zu Héraucourts gemacht, um die arme schwerkranke Hanne zu besuchen. Es ist mit den Schmerzen etwas besser, aber aussehen tut sie ja jammervoll. Die Ärztin hat gesagt, es könne
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| sein, daß sie bis Juli arbeitsunfähig bliebe. Sie selbst hat garkeinen Mut mehr. Aber ihre Stellung wird ihr freigehalten und bezahlt: bis sie gesund ist! Das ist eine späte Anerkennung für ihre unermüdliche Arbeit unter unnötig erschwerten Bedingungen und rücksichtsloser Behandlung. – Nach Deinem Befinden erkundigte sie sich noch besonders. – Das alles aber war ein sehr trauriger Eindruck. Aber der Wanderweg war ganz ungewöhnlich schön, und ich genoß auch meine Leistungsfähigkeit im Hinblick auf Dein baldiges Kommen. Denn vorher hatte ich einige Tage recht unangenehme Schmerzen, so etwas wie Ischias. aber nur anfallweise.
Im übrigen aber wandern meine Gedanken in der Hauptsache zu Dir. Abends gehen sie dann nochmals Deinen Berichten über den Tagesverlauf nach, und oft hole ich mir auch die Erinnerung an Beck oder die Abhandlung über geistige Atmosphäre der heutigen Jugend.

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18.III. Nun soll es aber Schluß sein in der Sonntagssonne am Sekretär. Dabei ist mirs nun ein recht betrübender Gedanke, daß Dir in Zukunft mein Zimmer höchstwahrscheinlich nicht mehr gefallen wird. Es klingt mir im Sinn, "doch uns ist gegeben an keiner Stätte zu ruhn" –
Und wie das auch immer zutrifft und mich tröstlich berührt, ist, daß der "Zufall" aus der Mappe mit Deinen Briefen mir eine Drucksache entgegen fiel vom 27.6.55 datiert: Dein Schlußwort bei der Philosophen-Tagung, das mir in seiner gehaltvollen Klarheit wieder sehr eindrucksvoll war. Und dabei waren noch ein paar Seiten von einem Turnlehrer? Carl Diem. Wer ist das? Er scheint sehr verständnisvoll. – In Bezug auf Briefe und sonstige Papiere möchte ich gerne mit Dir sprechen. Auf alle Fälle möchte ich auch meine Bücher in greifbarer Nähe behalten!
Ich hoffe, daß Du diese augenblickliche Frühlingsstimmung recht genießen kannst, aber nicht mit Anstrengung!! Und damit schließe ich und begleite Euch vom 21. über Ravensburg hierher und freue mich dieser tröstlichen Aussicht.
Allerseits herzliche Grüße und Dir noch besonders viel gute Wünsche auch möglichst in Seelenruhe, wie Du sie mir empfiehlst.
Deine Käthe.