Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26./27. März 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26.III.56.
Mein geliebter Freund!
Schnell wie ein Traum war das langersehnte Wiedersehen zu Ende, aber es war auch wieder der engen Wirklichkeit entrückt wie immer. Manche bedrückende Realität wurde mir durch ein rasches Wort von Dir gelöst, und schon, daß ich es aussprechen konnte, machte mir vieles wieder leichter zu ertragen.
Aber jetzt denke ich mit Sorge an die starke Erkältung, mit der Ihr alle beide abgereist seid. Hast Du die starke Übermüdung, von der Dich die schlappe Heidelberger Luft unmöglich heilen konnte, zu Hause überwunden? Schade, daß der Samstag nicht solch zauberhafte Frühlingsstimmung hatte, wie bei Eurer Abreise war. Wie leid tatet Ihr mir unter dem zugigen Bahnsteigdach, während ich in warmer Sonne stand, und das Tal und die Hügel mit dem belebten Fluß vor mir in
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| zartesten Farbenschimmer ausgebreitet sah. Wie lockte die saubere Landstraße mit dem neuen Gehweg nach der langen Sperre, die offenbar den Autoverkehr noch nicht wieder in vollem Gange sah! Aber auf der Bahn ging es hin und her. Vor Eurem Zug der Triebwagen und hinterher wieder einer in umgekehrter Richtung, in der Neckarschleuse drei mächtige Kähne, deren Abfahrt ich noch mit Neugier verfolgte, während aus der Nachbarkammer ein kleiner Privatdampfer stromaufwärts strebte. – Und stromaufwärts gingen meine Gedanken mit Eurem Zuge und begleiteten ihn mit vielen guten Wünschen. Ich wollte nur, daß sich Eure Fahrt bald zu einem recht lohnenden Erholungsziel fortsetzte.
Am Sonntag habe ich dann zuhaus sehr gründlich geschlafen und die Sonnenwärme genossen. Die Heizluft im Zimmer fängt an
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| mir recht lästig zu werden.
Heut vormittag ging ich mal wieder zu Hanne Héraucourt und traf sie scheinbar besser, aber ich traue der Sache noch nicht. Das arme Menschenkind hat einen starken Furunkel an der Hüfte aufgeschnitten bekommen, und ist noch sehr mit Schmerzen geplagt. Es kommt mir vor, als ob die Sepsis, die in ihren Gelenken sitzt, auch auf diese Art sich äußert. Ich hatte ihr von den leuchtend schönen Alpenveilchen mitgebracht, die Susanne mir schenkte; und sie fragte nach Euch beiden, besonders nach Deinen Augen. Und immer denkt sie dankbar an Eure Besuche in Reutlingen. Sie ist so tapfer und ergeben. Die Mutter hat jetzt eine jüngere Freundin aus der Pfalz zur Hülfe, die auch jetzt der Hanne recht sympathisch ist. Aber zwei andere Pfälzerinnen, die beinah gleichzeitig mit mir kamen, fürchtete sie als zu anstrengend,und ich konnte beim Fortgehen die Mutter noch bitten, sie nur wenig zur Hanne zu lassen. Aber obs geschieht?

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Dienstag früh. – Am Abend habe ich wieder mit persönlicher Anteilnahme in der Harnack-Biographie weitergelesen. Ich bin jetzt bei der ersten Nachkriegszeit. Dabei fällt mir ein, ob Du dich wohl noch an den Wintermantel erinnerst, den ich durch Knapssche Vermittlung für Dich bekam und den Du weitergabst?! – Wieviel Miterlebtes und bekannte Namen tauchten da wieder auf, und ich merke, wieviel "Welt" ich bewußt und mit Deiner Führung vorüberziehen sah!
Der trübe Himmel und die schlappe Luft lähmen meine Lebensgeister und ich will lieber für heut zu schreiben aufhören. Möchten doch die Ostertage etwas Möglichkeit zur Erholung für Euch bringen. An Luftwechsel hatte es ja bisher für Euch nicht gefehlt, aber es war nur Anstrengung.
Also bald mehr! Heut nur viele Grüße "von Haus zu Haus" und Dir noch ganz besonders von
Deiner
Käthe, die beständig mit Dankbarkeit an Dein Hiersein denkt.