Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. März 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30.III.56.
Mein geliebter Freund!
Wenn am Sonntag früh noch Post ausgetragen wird, hoffe ich, soll Dich doch ein Gruß von mir zum Osterfest noch erreichen. An Susanne schrieb ich zuerst, und das war ja wohl an Euch beide, aber es geht mir seitdem doch noch so viel durch den Sinn, was ich Dir gern mitteilen möchte.
Der Karfreitag war heut ein warmer sonniger Tag, aber jetzt ziehen im Westen graue Wolken auf und überhaupt war wieder die lästige Schwüle, die so auf die Nerven drückt. Da bin ich dann immer so unlustig zu jeder Tätigkeit, und es ist gut, wenn von außen eine Ablenkung kommt. So waren eben das Ehepaar Matussek ein halbes Stündchen bei mir und ich freue mich, nun auch die Frau mal gesehen
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| zu haben, die mir viel besser gefällt als die Gattin des Bruders. Du weißt nun also schon, daß sie jetzt endlich ein gemeinsames Leben führen werden, und Wohnung in München suchen. Hoffentlich gibt es ein gutes Einverständnis, Lotte Reinhard war dessen nicht so ganz sicher, aber sie war vielleicht voreingenommen.
Und von Gunhild Buttmi hatte ich gestern einen sehr lieben Brief, in dem schon eine leise Wehmut durchklingt in Rückblick auf das Elternhaus und gemeinsame Erinnerungen. Sie wird im Mai heiraten, und dann gehen sie in eine westliche [über der Zeile] U.S- Universität, wo er seine Berufsausbildung vollenden will. – (N. M. scheint mit der Wendung seiner Zukunft recht zufrieden zu sein.)
Heut vormittag hatte ich auch noch Besuch
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| von Frl. Specht, die mir höchst sympathisch ist, die in Rohrbach wohnt und lange verreist war. Zu meiner Überraschung wußte sie schon, daß Du kürzlich hier warst und zwar durch die Pension Rodrian, wo sie sich auf uns berufend Quartier für jemand gesucht hat. Sie ist eine Theologentochter, die s. Z. große Hilfe bei der Erziehung von Pensionären im Elternhaus durch Deine Jugendpsychologie fand. – Als sie heute schon von Deinem Hiersein wußte, dachte ich im Augenblick, sie hätte durch irgendwen von Deinem Vortrag gehört!! Ob er wohl gedruckt wird? Ich sprach ja Susanne nicht nach- sondern vorher, so habe ich leider nichts vom Inhalt gehört. – Aber die Wiederholung vom "Umgang mit Menschen" haben Verschiedene hier im Radio gehört. So freute sich Hanne H. besonders "Deine Stimme" gehört zu haben, und ich konnte sagen: ich hörte sie unmittelbar!
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Alle meine Wünsche gipfeln jetzt in dem Verlangen nach einem günstigen Erholungsort für Euch. Der Gedanke an Deine Angegriffenheit hier quält mich recht. Und ich wußte auch garkeinen Rat! Ich wünsche Dir sehr einen belebenden Klimawechsel und schöne anregende Eindrücke.
Mit der zweiten Lektüre der "goldenen Frucht" bin ich viel mehr gefesselt als das erstemal. Es ist mir dabei, als wenn Bilder aus der eigenen Vergangenheit wieder aufleben, und auf der Leinwand vorüber ziehen! Aber der Harnack ist mir doch lieber und ebenso beziehungsreich.
Jetzt mache ich noch meinen Abendspaziergang an die Post, denn zum erwarteten Regen kommt es nicht. Er wäre doch so nötig. Lauter gute Wünsche fliegen zu Dir und innige Grüße!
Deine
Käthe.

[li. Rand] Besonders wünsche ich Susanne rasche Besserung für ihren Katarrh.