Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4./5. April 1956 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 4.IV.56.
Mein geliebter Freund!
Wenn Dich vor der Reise nach Badenweiler noch ein Gruß erreichen soll, dann ist es hohe Zeit! Schon seit Ostersonntag bin ich in Gedanken dabei, aber es wollte sich keine ruhige Stunde finden, denn ich mußte allerlei Wege in die Stadt machen, und mich auch viel vom Nichtstun ausruhen! Wenn ich nur wüßte, ob Du Dich jetzt wieder wohler fühlst? Es war doch eine recht üble Zumutung vom 21.–25.III., und aus dem geplanten Erholungsspaziergang wurde nichts. Wenn nur für Badenweiler nicht die prophezeite erneute Kälte eintrifft, – oder wäre das besser als die tägliche Gewitterdrohung? Die Ostertage waren hier zwar nicht recht zuverlässig, aber Regen gab es nur nachts
[2]
| Aber ich hatte einen schönen, stillen Ostermorgen, während der Feiertag eingeläutet wurde. Ich hatte mir Deine Erinnerung an Beck bereit gelegt und konnte mich so recht ungestört von neuem hinein vertiefen und wieder versuchen die einzelnen Beziehungen zu verstehen und das tragische Verhängnis in allen Folgen neu zu durchleben. War "die Zeit noch nicht erfüllet?" oder wird das Weltgericht ein ander Urteil über uns fällen, als wir erhoffen? Wir können nur suchen, vor unserm Gewissen zu bestehen!
In der Folge kam mir dann, aus dem Bücherschrank fallend, Hans Delbrück, Bismarcks Erbe, entgegen und erregte mich wie spannendes Drama in seiner leidenschaftlichen Darstellung bis zur Entlassung. Immer stand dabei auch für mich Dein Wort von der "großen Warnung" im Hintergrund. Hier war die politische Einsicht
[3]
| zur herrschenden Macht gekommen, aber durch welche Kämpfe. Und ebenso, wie man fragt: wenn der Plan von Beck geglückt wäre, was dann? So fragt man auch, wie lange hätte Bismarcks Klugheit die Panslawistische Flut noch aufhalten können? Da sind nicht nur geistige Kräfte am Werk, sondern ganz reale, für die allein "ein Höherer zuständig ist." –

– 5.IV. Noch ein kurzen Bericht möchte ich anfügen, vom 1. Ostertag, wo es mich zu der armen Hanne Héraucourt zog, die sich immer so über mein Kommen freut. Bei ihrem Anblick war ich ganz entsetzt, aber sie versicherte, es ginge ihr besser. Sie hatte etwas weniger Schmerzen, aber sie sieht aus, wie vom Tode gezeichnet. Zum Glück haben sie jetzt, nach verschiedenen Versuchen eine freundschaftliche Hülfe im Haus, die Dauer verspricht. –
Gestern mußte ich wieder etwas auf der Bank erledigen, was mir immer beunruhigend
[4]
| ist, aber ich konnte meinen Vertrauensmann erreichen und ich glaube, die Sache ist in Ordnung. Anschließend saß ich noch ¾ Stunde in der Krankenkasse mit andern Gebrechlichen auf der Wartebank hinter der langen Schlange am Schalter und wurde abgefertigt, obgleich ich noch nichts von der neuen Verordnung wußte, daß man den Rentenbescheid mitbringen muß; bisher genügte ein rotes Kärtchen!
Am Dienstag hatte ich in Neuenheim ein paar Besuche gemacht, die ich schon monatelang schuldig war, und hatte freundliche Eindrücke. Besonders hübsch war die Begrüßung durch eine Ururenkelin von Großmutter Knaps, die ich gerade nach der Hausnummer fragen wollte, und die mich ganz vertraulich "Tante Käthe" anredete.
Aber gleich kommt Frau Henny zum Zimmerputzen, darum nur noch viel innige Grüße und gute Wünsche von
Deiner Käthe.

[li. Rand] Auch für die Osterkarten noch vielen Dank und herzliche Grüße an Susanne und <Fuß> Ida.