Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. April 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14.IV.56.
Mein geliebter Freund!
Mit großer Freude begrüßte ich täglich die warme Sonne, die sich offenbar für Eure Reise endlich auf ihre Pflicht zu besinnen schien. Aber es war damit noch garnicht zuverlässig. Dagegen kam pünktlich wie angekündigt Deine liebe Karte am 9. morgens, die mir von dem günstigen Eindruck des Hôtel Engler berichtete, und das war mir recht tröstlich. Und nun auch noch vielen Dank für den lieben Brief, der mich hoffen läßt, daß diese "Ruhezeit vor offiziellen Störungen" auch bei mißlichem Wetter ein Behagen und wirkliche Erholung bringen kann. Denn leider wird Deine so energisch geplante Arbeitspause aus "Ehrengründen" eine recht unerwünschte Unterbrechung leiden.
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| Aber Du hast ja mit der Möglichkeit einer Fortsetzung nachher gerechnet, und dafür bin ich ganz entschieden.
Diese "Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung" ist mir nur ein sehr unbestimmter Begriff, und ich bin geneigt, anzunehmen, daß sie nur mit dieser Ehrung Deinen Namen für sich zu gewinnen trachten! Vielleicht bist Du so gut, mich mal über die ganze Situation aufzuklären.
Du hast übrigens sehr recht, daß das gegenwärtige Klima mich sehr mitnimmt. Und ich bedaure sehr, daß die größere Höhenlage dort, wo Ihr seid, nicht wenigstens etwas die ungünstige Wirkung abschwächt. Aber wir sind leider mit sehr empfindlichen Barometer-Nerven begabt! Gut ist es da, wenn irgend ein starkes Interesse die Gedanken ablenkt. Das leistet mir augenblicklich die schöne Harnack-Biographie.
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| Sie ist anschaulich und gehaltvoll in tausend lebendigen Beziehungen der Vergangenheit, sodaß mir die eigne geistige Entwicklung daran wieder Gegenwart wird. Und nicht nur Vergangenheit, sondern Parallelen treten mir dabei entgegen. Überhaupt ist es mir ganz wunderbar, wieviel von geistig bedeutenden Erscheinungen an meinem Horizont mir bewußt – teils persönlich, teils in ihrer Wirkung vorübergingen. Und nun heißt es: bewahren und bewähren. – Es ist manchmal so schwer, die Zuversicht zu behalten. Aber war denn die Vergangenheit so viel ebener, wie sie in rückblickender Perspektive erscheint? Es war doch wohl immer nur ein Überwinden. — Ein Zeichen solchen Überwindens ist es mir, daß Du jetzt die schrecklichen Monate im Herbst 44 erwähnen kannst. Immer wieder lese ich Deine Schilderung der Persönlichkeit Beck's, und vertraue auf
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| die läuternde Wirkung, die sein Bild in der Geschichte durch dieses ethische Urteil behalten wird. Denn dem realen Lauf der Dinge gegenwärtig sehr zuversichtlich entgegen zu blicken, ist schwer. – –
Hier in Heidelberg wurde sehr ehrenvoll die Beisetzung des verstorbenen Musikdirektors Poppen begangen; leider ein leichter Dauerr[über der Zeile] egen, dessen sanftes Streicheln aber der Vegetation sichtlich wohltat, störte den Zug durch die "Musikstraße", der bei uns vorbeikam.
Die Seelenruhe, die durch die [über der Zeile] Zwangs-Umsiedlung mir doch ziemlich gestört wurde, ist so weit wieder hergestellt, daß ich mir für 60 <altes Pfennigzeichen> einen Rechtewinkel gekauft habe, um die Maße meiner Möbel, die ungewiß in meinem Kopf herumtorkeln, in einen der Zukunft entsprechenden Plan einzuzeichnen. –
Euch wünsche ich auch weiter einen ungestörten Aufenthalt, gute Nachrichten und möglichst viel sonnige Stunden. Mir wird schon die Ofenheizung beinah zu viel! Herzliche Grüße an Susanne und Dich von Deiner stets gegenwärtigen
Käthe.