Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. April 1956 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 19.IV.56.
Mein geliebter Freund!
Heut war mir Dein lieber Brief so recht eine Bestätigung meines unbewußten "Fernsehens", denn ich überlegte schon tagelang, ob ihr wohl nicht lieber bei dem launischen Wetter schon früher in die heimische Behaglichkeit zurückgekehrt wäret? Aber das wäre ja nur ratsam, wenn es einen Schutz vor unliebsamen Besuchen geben könnte! Und für Susanne ist doch bestimmt auch eine Unterbrechung des täglichen Einerlei nötig und erholsam. Klimatisch aber wäret Ihr sicher an den italienischen Seeen nicht besser daran gewesen, so schön mir auch der Plan erschien. – Auch bei uns war am Mittwoch der Frühling wieder vorbei und alles, auch das kleinste Zweiglein, dick mit Schnee bedeckt.
[2]
| Gut, wenn man nicht auszugehen brauchte. Dafür war am Donnerstag herrliche Sonne, die ich ausschließlich auf meinem geliebten grünen Lehnstuhl genoß, und dabei hoffte, sie schiene auch bei Euch so intensiv.
Auf alle Fälle aber war andere Sonne um Dich und ich danke Dir, daß Du mich daran teilnehmen läßt. Denn Du weißt ja, wie beglückend ich dies tiefe Verständnis Deines Seins und Wesens aus dem Brief des "jüngeren Freundes" fühle. Er ist mir eine Antwort auf die Frage bei unserm letzten Beisammensein, die eigentlich nur wie eine Hoffnung ausklang. Und wie so oft in meinem still beschaulichen Dasein denke ich, mit Schiller,: es gibt keinen Zufall" und das gibt uns dann die Zuversicht für die Zukunft – nicht wahr?
[3]
|
Ich habe mir anschließend wieder aus den "Gedanken zur Daseinsgestaltung" das Nachwort vorgeholt, das mich damals mit dem Erscheinen des Büchleins versöhnte, das ich irgendwie verletzend empfand. Und nun will ich auch zur Lektüre der Harnack-Biographie zurückkehren, an der ich meine Lebensentwicklung bis 1903 verfolgen konnte, denn ich hatte das Glück, von so manchen entscheidenden Bewegnungen berührt zu werden. Jetzt hat das alles einen so vertieften und geschlossenen Hintergrund. Aber dann kam der eigentliche Sinn und Mittelpunkt durch Dich und unser gemeinsames Suchen.
Trotzdem kommen immer wieder Knoten, die überwunden sein wollen, aber es ist doch ein fester Grund da, aus dem die innere Kraft immer wieder nachwächst, und einen Ausweg findet. Die augenblickliche Stille, die Dich quält, ist nur ein Sammeln zu neuer Form des Wirkens.
[4]
| Vielleicht hattest Du auch in dieser hastigen Zeit Deiner physischen Kraft garzu viel zugemutet, und die Überwindung, die in der Stille in Dir wächst, wird ebenso selbstverständlich aus Dir wirken, wie Dein ganzes Sein es bisher tat. Helfende Liebe hattest Du Dir zum Ziel des Lebens erkoren und so hast Du Dich bewährt.
Möge die Ehrung in Stuttgart eine wirkliche Freude für Dich werden können, ein Zeichen echter Wertschätzung. Und hoffentlich war der Aufenthalt in Badenweiler für Euch beide trotz der Kürze eine Kräftigung.
Alle Einzelheiten Deiner lieben Zeilen beschäftigen mich dauernd. Darauf antworte ich noch und berichte auch vom eignen Erleben. Heute nur einen Willkommensgruß in Tübingen und viele guten Wünsche.
Immer
Deine
getreue Käthe.

[li. Rand] Rücksendung erfolgt mit nächster Post.