Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. April 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25.IV.56.
Mein geliebter Freund!
Wie mag der Tag gestern für Dich verlaufen sein? Ich habe immerfort daran gedacht und gewünscht, daß wirkliche echte Freude und Zufriedenheit die unliebsame Unterbrechung der kurzen Erholungszeit aufgewogen habe! – Und jetzt habe ich noch den Wunsch, daß Du den Vorsatz, noch ein Stück Erholungsreise nachzuholen ganz energisch nachholen [über der Zeile] festhalten möchtest. Es muß doch einmal wirklich Frühling werden, und da würde ein Aufenthalt südlich der Alpen nicht mehr solch Risiko sein, wie in der bisherigen Winterfrische. Die zauberhafte Schönheit des Lago maggiore oder des Luganer Sees wäre Dir ganz gewiß eine Quelle neuer Lebensfreude. Denn dort muß Farbe und Stimmung
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| von wundervoller Ausgeglichenheit sein. Wir hatten ja früher im Haus das herrliche Bild von Ahlborn, das diese Schönheit so echt eingefangen hatte! Du wirst es bei Mutter Lili in der Wilhelmshöher Allee wohl kaum mit Bewußtsein gesehen haben.
Hier ist es immer noch sonderbar dunstig und abwechselnd kühl und drückend. Einzelne Obstbäume fangen schüchtern an zu blühen, die Blätter der Roßkastanien hängen noch meist wie Pfötchen um die unentwickelten Blütenkerzen. — Unternehmungslustig bin ich garnicht. Aber ich war doch einmal wieder bei Hanne Héraucourt, bei der immer von Besserung berichtet wird, aber im Grunde heißt das: es ist gerade wieder ein neues Übel überwunden. Ich hatte ihr das Büchlein über "den Taft zum Kragen" mitgebracht, daran hatte sie rechte Freude und noch mehr durch Dein freundliches Gedenken.
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Wie ich ja überhaupt jetzt in Erinnerungen lebe, und dankbar glücklich dabei den reichen Inhalt empfinde, so hat mich Deine Bemerkung über ein Entgleisung Eurer Christiane auch zu eignen weniger erfreulichen Momenten in jenem Alter erinnert. So ist mir besonders deutlich, wie ich nur um der Erfindung willen etwas Wunderliches von einer unbekannten Person erzählte. Und Notlügen nahm ich auch nicht so besonders schwer. Auch der Reiz des Verbotenen hatte es oftmals auf sich besonders als eine frühreife Kapitänstochter mit mir den Privatunterricht bei Lehrer Tiegs teilte. Manchmal habe ich später beim Rückblick auf diese Zeit gedacht, mein Schutzengel hatte es nicht leicht. – Und jetzt sollte er eigentlich auch mal wieder eingreifen, denn ich bin von einer abscheulichen Lahmheit und scheue jede Tätigkeit. Auch das Plänemachen ist noch nicht von der Stelle gerückt. Der rechte Winkel soll nur dazu dienen, den Grundriß des künftigen Zimmers
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| auf die gleichen Maße zu übertragen (nach dem winzigen Plan, den ich durchzeichnen konnte, mit Fenster, Tür, Waschbecken! bei der Rücksprache.) – – wie ich mein jetziges Zimmer s. Z. mit den Möbelgrundrissen einrichtete, die noch mit den genauen Verhältnissen in Centimetern vorhanden sind. Aber ich scheue noch immer etwas vor der Sache. Sie wird aber vielleicht nicht so triste sein, wie ich fürchte.
Die viele Krankheit, von der Du berichtest, ist wohl eine allgemeine Zeiterscheinung. Ist der Fall bei dem Ernst Meister auch T.b. wie bei unsrer Hilde?
Den liebenswürdigen Brief von Dr. Bähr will ich eben noch beilegen und dann noch das Ganze zur Hauptpost bringen. Schreibe mir doch bitte, ob es auf die Art noch am Donnerstag bei Dir eintrifft. Sonst gehe ich abends nicht wieder die Anlage nach 7 Uhr, um die Post zu erreichen. Vielleicht wäre auch morgen der Kasten um 6 Uhr noch Zeit genug. – Vielen herzlichen Dank für die Karte aus Hinterzarten, die mich <Kopf> besonders erfreute und herzliche Grüße auch an Susanne. Ist sie ihren Katarrh losgeworden?
<Kopf S. 3>
Mit vielen innigen Wünschen und Grüßen immer
Deine Käthe.