Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. Mai 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. Mai 1956.
Mein geliebter Freund!
Schon lange drängt es mich, Deinen lieben ausführlichen Brief vom 27. zu beantworten, aber der Wille ist gut, doch der Kopf ist schwach! Du weißt, wie der Onkel Ernst sagte: "Lieber Sohn, mit mir ist nicht viel los". So geht es mir jetzt in diesem unzuverlässigen Wetter. – Du hast mich mit Deinem lieben Schreiben so erfreut, ganz besonders natürlich daß es so befriedigt von der Ehrung in Stuttgart berichten konnte. Du weißt ja, wie ich die Menschen immer schätze je nach dem Verständnis, das sie Deinem Sein und Wirken entgegen bringen. Und dafür ist mir jetzt der Beifall ein Zeugnis, das sie für Deine Ansprache hatten. Und die Namen, die Du mir von den Anwesenden nennst, gibt mir ja ein Bild von dieser Akademie,
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| gegen die ich, ich weiß nicht woher von früher ein gewisses Mißtrauen hatte. – Ich lasse mich so gern in dieser Zeit der steten Enttäuschungen durch gute zuverlässige Eindrücke trösten und bekehren.
Auch daß diese Stuttgarter Sitzung Deine so nachdrüglich betonten Ferienpläne unterbrach, läßt sich ja auch so ansehen, daß bei dem kalten Regen- und Schneewetter ein längerer Aufenthalt in Badenweiler nichts genutzt hätte; aber daß solch anregende und erfreuliche Eindrücke noch mehr helfen als Luft und Sonne! – Bergsträßer muß früher mal von Heidelberg nach Darmstadt gegangen, er ist mir als bekannter Name erinnerlich. – Ist das der alte Baron Bernus oder der Sohn, dessen Kind so tragisch verunglückte? Und daß Du Hagelstange und Bergengruen kennen lerntest, interessiert mich sehr, von
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| beiden hatte ich gelegentlich gute Eindrücke.
Leider hast Du von Deinem Augenarzt keine eingehende Auskunft erreichen können. Vielleicht kann das auch nur einer, der selbst die Symptome an sich beobachtete. Sehr komisch ist mirs mal wieder, daß ich gerade jetzt auch eine Affäre mit Frl. Dr. Clauß wegen der Augen hatte. Ich bat sie wiederholt um ein Rezept, das mir vor Jahren sehr wohl getan hatte, in dem es viel milder wirkte als die üblichen Zinktropfen. Sie hatte es scheinbar nicht beachtet, aber auf mein Drängen schrieb sie es dann. Aber wie sie hinterher sagte, sehr ungern, weil sie nicht Spezialistin sei. Nachher aber war sie ganz aufgebracht über mich! Warum hatte sie mir denn die Sache nicht erklärt?! Fortsetzung folgt mal mündlich! –
Ob nun dieser Zettel Dich noch am 3. in Tübingen treffen wird, ist mir ungewiß. Denn ob Eure
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| Reise, die zwischen den 3. und 8. fallen soll, vom 4.–7. stattfinden wird, ist mir nicht klar! Wo werdet ihr in Alpirsbach wohnen können? Es war dort im Hotel nicht sehr gemütlich, soviel ich weiß.
Gut erscheint mir aber an Deinem Bericht, daß Du mit der Sehfähigkeit zufrieden sein kannst. Und daß Dir das Essen in 150 m. Höhe gut bekam, ist doch auch erfreulich und wenn der Blutdruck niedriger wurde, ist das nicht fein?
Es wäre noch manches, wovon ich gern schriebe, z. B. von dem ersten Versuch, mein Zimmer auf dem Plan einzurichten. Dann von einem Besuch vom Sohn des Arnold Ruge (des enfant terrible), den ich nur als kleines Kind gesehen hatte, und der durch Gisela Gaßner, die immer in "Ahnen" tut, meine Adresse erfuhr – aber ich will den Brief noch schnell in den Kasten bringen.
Darum nur noch viele Grüße an alle, die nach mir fragen, und die innigsten Wünsche für Dich von
Deiner Käthe.