Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. Mai 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6.V.56
Mein geliebter Freund!
Nun ist endlich der Frühling da, und Deine Ferien sind zuende! Aber ich habe mich doch alle Tage gefreut, daß Du für Alpirsbach doch noch ein wenig Sonne zum Sitzen im Freien hattest. Ich lasse mir freilich am Genuß vom Zimmer aus genügen: morgens etwa um 5 Uhr der Kuckuckruf aus dem Wald, dann die Blitzlichter der Sonne vom Reflex der blanken Autos durch die Ritzen des Ladens und die fordernden Stimmen der kleinen Meisen am Futternäpfchen u.s.w. bis abends die rotgoldene Sonnenkugel in der nordwestlichsten Ecke meines "Horizonts" versinkt. Das alles gab mir die frohe Gewißheit, daß Du es mit dem Wetter endlich nach Wunsch treffen würdest. Und hoffentlich war auch
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| das Befinden des Herrn Dr. Heß keine Störung des gemütlichen Familienzusammenseins. Hatte der Löwe wenigstens ein Zimmer nach der Sonnenseite?
Eine ganz große Freude war mir aber auch vor allem Dein lieber Brief vom 3. Mai, mit all seinem Inhalt und der fabelhaft sorgfältigen Verpackung. Habe wie immer innigen Dank! Das kleine Buch glaubte ich längst an Humor-bedürftige Leute verliehen! –
Man braucht oft solche Ablenkung, denn es ereignet sich fortwährend neue Sorge. Weil Hedwig Mathy sich dauernd ausschwieg, suchte ich sie auf. Da erfuhr ich, daß ihre Nichte, Gretel Franz, die Pianistin, einen schweren Unfall hatte. Aus Gefälligkeit gegen Mitbewohner half sie den Umstellhebel der Centralheizung zu stellen und das ging so schwer, daß ihr dabei eine Ader im Kopf
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| sprang und sie bewußtlos hinfiel. Der Arzt, der sie, die erst nach 2 Stunden wieder zu sich kam, versichert ihr, daß es wieder ganz gut werden würde. Es ist kein Schlaganfall, aber eine lange Schonzeit liegt nun vor ihr, und der ohnehin leidenden Mutter, mit der sie zusammen lebt. Ich habe sie so besonders gern, sie ist solch sonniger Mensch! Und nun dieser Einbruch in ihr erfolgreiches Leben; sie hatte durch jahrelange Kur s. Z. eine T.b. überwunden und war jetzt als Lehrerin und Vortragende so gesucht. – Natürlich ist Hedwig jetzt sehr nötig als hilfreiche Kraft in der Familie. –
Von dem Akademie-Kollegen Süskind ist heut in unsrer Zeitung ein Artikel über die verschiedene Art der deutschen und amerikanischen Zeitungsleser. Es ist mir oft merkwürdig solche Wiederholung von Eindrücken in kurzer Zeit, was man ja: "Häufung der Fälle" nennt! Wenn man nur ein Wort für die Sache hat – nicht wahr! Aber was ist dabei kausal?
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Meine Nachbarin hier, Frau Müller, fällt mir viel mit ihrem naiven Glaubens- und Bekehrungseifer auf die Nerven. Ich habe ihr kürzlich im Zorn erklärt: das interessiert mich garnicht! Aber auf lange hilft das nicht. – Lotte Reinhard ist vermutlich jetzt an der Riviera. Sie wollte vorher noch einmal herkommen, aber vermutlich ging das nicht. Ich bin also "sehr beschränkt" im Verkehr, und gehe nur immer mal wieder zu Héraucourt's, wo es natürlich recht elend, aber unerschöpflich tapfer weiter geht.
Ich hoffe, daß der Brief Dich wieder zu Haus begrüßt, und lege die Drucksache von Süskind bei. Mir scheint, als ob auch er, die Ehrung mehr für die Seite der Akademie empfindet als für Dich!
Ob Du einen Kreis fürs Seminar findest, für den sichs wahrhaft lohnt? Ich wünsche Dirs von Herzen! Grüße auch Susanne vielmals und ebenso Ida, möchtet Ihr alle möglichst gesund das neue Semester anfangen.
In liebendem Gedenken
Deine Käthe.