Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. Mai 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14.V.56.
Mein geliebter Freund!
Wie hast Du Dich wieder ins Semester eingelebt, nach all der sogenannten Erholung? Die zwei lieben Karten aus Alpirsbach stehen auf dem Sekretär hier vor mir und reden von Sonne, aber bei uns läßt sie sich nur für Viertelstunden sehen! Neulich kam ich sogar in einen erbarmungslosen Guß! Auch sonst gab es Überraschungen. Von dem Besuch des Albrecht Ruge, der auf Veranlassung der Gisela Gaßner und ihrer "Familiensucht" kam, schrieb ich ja schon. Aber ohne ihr Zutun kam nun ohne Anmeldung Rudi Hadlich, Du weißt: der Jüngste von Onkel Hermann, der Dich auch aus Kassel her kennen will. Er stellte sich an der Eingangstür bei der Schwester nicht vor, ich hatte nach 19 Uhr noch auf dem Balkon gesessen (und mich gerade geärgert, daß jemand so nachdrücklich heraufsah) – da ließ
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| ihn die Schwester ins Zimmer. Er begrüßte mich sehr herzlich und – ich suchte vergeblich, wer in der Familie das denn sein könnte!! Er mußte mirs sagen, und trotzdem er ganz entschieden Ähnlichkeit mit Onkel Hermann hat, fand ich keine Beziehung mit seinem Bild in der Erinnerung. Als er heranwuchs war ich nicht mehr in Kassel, als Student habe ich ihn nur einmal in Hofgeismar in dem Krankenhaus gesehen an Onkels Bett, wo er mir einen so angenehmen Eindruck als verständnisvoller Pfleger machte. Aber ein Bild seiner Person blieb mir ebenso wenig wie später, als er mit seiner Frau mal ganz kurz in der Wohnung an der Markscheide zu mir kam. Ich weiß davon nur, daß ich so froh war, daß der als Leichtfuß verrufene Rudi eine so liebe, tüchtige Frau gefunden hatte! – Jetzt war nun das Zusammensein wirklich erfreulich, und ich weiß jetzt, daß
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| seine Frau beim Roten Kreuz ehrenamtlich tätig ist, daß seine Tochter in Vorbereitung zur Technischen Assistentin eine Anstellung als Haushilfe in der Schweiz hat und der Sohn vor dem Abitur steht. – Da er nur auf der Durchreise zu einer Tagung den Abend und nachts hier war, ging ich als Gesellschaft mit ins Scheffeleck, wo wir es wieder ziemlich leer fanden, aber eine gemütliche Ecke zum Plaudern hatten. Um 10 Uhr ging er dann an den Hauptbahnhof um dort in der Nähe ein Nachtquartier zu suchen, da er um 6 Uhr weiter fahren mußte.
Das war nun alles ganz friedlich und hübsch, aber solch "plötzlicher Blitz aus heiterer Höhe" ist eigentlich nichts mehr für mich. Es war wie ein beständiges Suchen nach abgerissenen Zusammenhängen und ich hatte tagelang daran zu verarbeiten. Ich lebe eigentlich schon lange wie in einer anderen Welt!
Und in diesem Zusammenhang beschäftigen
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| sich meine Gedanken natürlich öfters mit den Möglichkeiten Deiner Reisen im Juni, und ich träume von einem Spaziergang bei gutem Wetter im Neckartal, wie Du ihn vor einiger Zeit mal plantest! Aber das, und sogar das Wetter ist ja alles Nebensache und vor allem freue ich mich darauf, Dich endlich wiederzusehen!
Angenehm war es mir übrigens auch, als gestern gegen Abend im Fortgehen aus dem Haus mir ein Herr entgegenkam und grüßte und daß ich ihn sofort einwandfrei als Dr. Drechsler erkannte [über der Zeile] der mich besuchen wollte. Ich treffe so oft Leute, bei denen ich mich vergeblich auf den Namen besinne! Es wird gut sein, wenn Du bald einmal kommst, ehe ich ganz versimpelt bin. So gewöhnst Du Dich vielleicht allmälig besser daran! Und verzeihst mir auch das häufige Verschreiben, Du lieber, gestrenger preußischer Minister! – Es wird übrigens Zeit, daß ich das Buch von Guthmann zurückschicke!
Als Lektüre habe ich mir jetzt wieder den "Eigengeist der Volksschule" vorgenommen, das liegt mir mehr. – Und jetzt grüße, bitte, herzlich von mir.
<li. Rand>
Bleibe möglichst gesund und mit innigen Wünschen gegrüßt von Deiner
Käthe.