Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28./29. Mai 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. Mai 1956.
Mein geliebter Freund!
Jetzt ist schon über ein Tag vergangen, als Du so eilig Abschied nahmst und ich so unfreiwillig auf dem Balkon zurückblieb. Aber es waren ja wieder so friedvoll beglückende Stunden, die Du mir schenktest und ich danke Dir von ganzem Herzen. Hoffentlich klappte dann auf der Heimfahrt alles nach Wunsch und Du kamst nicht garzu ermüdet zuhause an. Bei dem etwas hastigen Abschied habe ich Dir garnicht nochmal ausdrücklich viel herzliche Grüße aufgetragen, aber Du wirst das ja selbstverständlich wissen, auch ohne daß es gesagt wurde! Und wie war der Tag heut bei Euch? Hier hatten wir an meinem Außenthermometer in der Sonne 24°R. – Wie gut, daß wir es am Sonntag mäßiger hatten!
Nachdem Du fort warst, hielt ich es dann in der Stille nicht aus und beschloß nach Rohrbach zu fahren, denn ich hatte mich dort nach der kirchlichen Feier eigentlich ganz ohne Abschied von der Familie gedrückt. Das traf sich dann noch ganz nett, daß das junge Paar durch Paßschwierigkeiten die Abreise
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| verzögert hatten und ich ihnen nun noch selbst meine guten Wünsche mitgeben konnte.
Der Abend gehörte mir dann in aller Stille. Ganz besonders hat mir von all Deinen Berichten der Brief des jungen Naturforschers das Herz bewegt. Wie eindrucksvoll und überzeugend hat er die Wirkung Deines Bildes geschildert. Ob Du ihn brieflich näher kennen lernst? Und ob er persönlich Deinen Einfluß sucht? Jedenfalls wirkst Du schon durch die feinfühlige Erkenntnis, mit der er in Deinen Zügen die erstrebenswerte Lebensbeherrschung liest, die er sucht. – – Vieleicht könnte ich mir durch Frl. Reinhard mal diese Sammlung bedeutender Köpfe verschaffen. Wie hieß sie?
Du wirst ja wissen, daß ich sein Urteil gut verstehen kann, aber ich wüßte doch gern, welches Deiner Bilder diese Wirkung ausübte.
– Bis jetzt schrieb ich nach dem Abendessen auf dem Balkon. Es war ein unerfreulicher Tag mit Zimmerputz gewesen, doppelt unangenehm
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| bei dieser Temperatur. Aber das Gefühl der errungenen Reinlichkeit ist doch wohltuend. Die Schwester hatte glücklicherweise keine Zeit, sich persönlich zu beteiligen; aber Frau Henny war sehr gutwillig und [] so ging alles glatt. Deine gute Schokolade hat auch Wohlgefallen erregt!
– Aber Du hast mir all meine bescheidenen Vorbereitungen, Dich zu erfreuen nicht angenommen!! Auch die übliche Schokolade fand ich wieder vor. Vielleicht bevorzugst Du jetzt eine andre Marke? – Aber Du bist immer nur der Schenkende! Bei mir wird es leider auch noch immer weniger möglich! Und es war doch alles trotzdem so schön und wohltuend, ein ruhiges Gelingen; auch das bestellte Wetter wurde geliefert.
Mir bleibt ja freilich bei so kurzen Stunden immer so manches nur angetippt, was ich gern ausführlicher erfahren und verstehen würde. Und im Augenblick bin ich oft nicht imstande, sachlich und gründlicher zu fragen.
Was ich ganz besonders gern von Dir gehört hätte, ist: ob Du von dem "Eigengeist der Volksschule" ein verständnisvolles Echo bekamst?
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| Und wie war der Eindruck der Hörer beim ersten Seminar? Sind welche dabei, für die sichs Dir lohnt?

29.V. Nun bist Du mir mit Deiner "Drucksache" richtig zuvorgekommen. Es ist auch heut kein eigentliches Schreibwetter, sondern 21° und schwül – außerdem muß ich jeden Augenblick gewärtig sein, daß die Bedienung zur Fortsetzung des Bodenscheuerns kommt. Aber innerlich ist bei mir noch immer der sonnenhelle Frieden, den mir Dein getreuer Besuch wieder brachte. Am Sonntag abends hatte ich auch noch meine Freude an Deiner kurzen Ansprache bei der "Ehrung" und geschlafen habe ich heut und gestern großartig, ohne Lesepause. Aber ich hoffe, bald auch mal wieder Herr in meiner Klause zu sein und wieder schreiben zu können und möchte nur diese Zeilen fortschicken, damit sie womöglich morgen früh bei Dir sind.
Grüße, bitte, von mir, herzlich wie immer, und habe nochmal innigen Dank für Dein Kommen und Deine späte Abreise, ich empfinde dies Opfer noch besonders, – und sei gegrüßt in treuer Liebe von
Deiner
Käthe.