Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. Mai 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 31. Mai 1956.
Mein geliebter Freund!
Den ganzen Vormittag habe ich im Halbschlaf auf meinem Liegestuhl draußen auf dem Balkon gelegen, denn es war eine erdrückende Schwüle. Dabei war doch noch mehr Wagenverkehr als am Sonntag und auch Riesenautobusse dabei! Aber die Wolkenberge wurden immer dunkler und endlich gegen 16 Uhr brach ein Gewitter los, wie ich es so lebhaft und so nah eigentlich nur aus Pankow in der Erinnerung habe. Wie gut, daß uns das nicht am 27. zuteil wurde. Hoffentlich erstreckt sich die französische Gewitterneigung nicht bis zu Euch. Vielleicht ist ja kein Feiertag bei Euch und es ist Euch kein Ausflug verregnet?
Ich habe in stiller Beschaulichkeit an Deinen Besuch zurückgedacht! Es war so wunderschön;
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| und es ist mir erst nachträglich zum Bewußtsein gekommen, daß ja aus Deinem Wunsch eines Spaziergangs dabei garnichts geworden ist! Hast Du das nicht bedauert? Ich war wunschlos glücklich und das erfüllt mich noch immer.
Denn sonst ist ja eigentlich kein Ende der üblen Ereignisse. Als Du die Erkrankung von Gretel Franz [über der Zeile] x für so folgenschwer ansahst, hoffte ich, ihre elastische Natur werde doch bald die Sache überwinden; aber vorgestern kam Hedwig M. zu einem kurzen Besuch, um mir zu sagen, daß sich bei ihr [über der Zeile] x eine Thrombose im Bein entwickelt habe. Das ist nun eine Verlängerung des Bettliegens auf unbestimmte Zeit, wenn es gut verläuft! – Wenn ich einmal optimistisch bin, ists gewiß verkehrt.
Umgekehrt mit Hanne H., da sehe ich nach wie vor schwarz. Ich war gestern wieder bei ihr,
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| und es hieß, es ginge besser! Aber noch ist das Kaugelenk schmerzhaft und der Furunkel im Ohr nicht heil, aber kein Fieber mehr. So genügsam sind sie! Aber über Deine Grüße haben sich Mutter und Tochter sehr gefreut, und daß Du an den Dr. Recknagel erinnertest. Die andre Tochter hatte inzwischen an ihn geschrieben, und ihn zu einer Konsultation gebeten. Aber das hätte nur Aufregung gebracht, denn das würde ihre behandelnde Ärztin verstimmen, und eine Krankenhausbehandlung möchte Hanne nicht wieder und die Kasse würde es nicht mehr bezahlen. Also ist es wohl nicht zu ändern. Mir erscheint es leider nur ein langsames Hinquälen, und das macht ganz trostlos.
– Gestern nun kam von Hermann Nachricht, daß sie am 2. Juni in die neue Wohnung ziehen werden. Das ist mir entschieden eine Lösung auch für mich, dann kann er doch richtig beur
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|teilen, was er unterbringen kann. Ich habe geschrieben, er möchte es dann nicht zu eilig machen, denn ich brauchte seine Hülfe.
Wenn ich still für mich bin, sind meine Gedanken aber noch bei andern Dingen! Wie kommt es denn, daß dieser Rundfunkdruck anders ist als der, den ich hörte? Ist er für den Druck geändert, oder hast Du zweimal gesprochen? – Hast Du das Seminar wieder auf Mittwoch verlegen müssen? Oder ist man in Tübingen rein protestantisch?
Ich hoffe, Du hast eine glatte unbelästigte Fahrt gehabt, und fandest weder in der Post noch sonst Unangenehmes vor. – Mir ist immer, als wäre schon wieder Sonntag, denn die Tage gehen ungezählt! Ich habe doch immer das Zeitlose gesucht, aber nicht in dieser Form! Ich kenne auch die andere. Und in diesem Sinne grüße ich Dich von Herzen
Deine
Käthe.

[li. Rand] Wie immer herzliche Grüße an Susanne und auch an Ida!