Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Juni 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Juni 1956.
Mein geliebter Freund!
Da hatte ich gestern schon anfangen wollen, Dir, mit einem Brief, den Entwurf der Ansprache zu schicken, da fürchtete ich aber damit die Beförderung durch ihn zu verzögern. Dabei wäre ja gut Zeit gewesen, weil der Sonntag dazwischen lag, den ich bei der Einförmigkeit meiner Tage ganz vergessen hatte. Na, hoffentlich kommt der Brief mit Deinem Schriftstück morgen bei Zeiten an.
Deine lieben Zeilen, die so unerwartet schnell kamen, haben mich mit ihrem so reichhaltigen Inhalt sehr erfreut, der so viel Interessantes enthielt, daß ich garnicht alles behalten kann. Aber Hauptsache war es mir, daß auch Du noch gern an die sonnigen und
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| wohltuenden Stunden vom Sonntag dachtest, Wie das war nachher mit: "Excellenz bei Bouché", ist mir leider nicht bekannt.?
Auch wir haben wieder mehrmals heftige Gewittergüsse gehabt, aber der Neckar kann sie [über der Zeile] hier doch [über der Zeile] schon etwas besser bewältigen als bei Euch. Wohin mag Euch die Autofahrt mit Landenbergers gebracht haben? Und in Stuttgart wart Ihr auch schon wieder! Daß Du unsern Kossel kanntest, habe ich nicht gewußt.
Aber daß Du Rundfunk-Verächter noch da eine Rolle spielst, ist mir doch ein gutes Zeichen für die Gesinnung der Gegenwart, denn es zeigt doch wachsendes Interesse an gehaltvoller "Unterhaltung". Auch meine Bekannten hier hatten Deinen zweiten Vortrag gehört, der "ausführlicher" als der erste gewesen sei. Aber Du hast ja anscheinend nur einmal gesprochen? Jedenfalls enthält mir der Sonderdruck, für
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| den ich Dir herzlich danke, manches Andere, und manches nicht, was ich mir in der Erinnerung einbildete. Da ist vermutlich wie immer mein unglaublich schlechtes Gedächtnis schuld.
So habe ich mich immer besonnen, wer das war, für den ich einmal von Dir einen Auftrag hatte in diesem "düsteren Haus", vor vielen Jahren. Vermutlich warst Du damals in Leipzig! Jetzt, gestern sagt es mir ein Artikel in der Zeitung von Delecat, Mainz, über Geld als ethisches Problem! – – Erinnerst Du Dich?
Schreibe mir doch womöglich, wenn und wann wieder mal von Dir etwas im Rundfunk zu hören sein wird. Ich werde mich dann dazu bei einem Apparat einladen lassen!
Als in der Zeitung der Entscheid für ein Volksbegehren der Badener gedruckt erschien, fiel mir unser alter Badischer Chef (Müller oder Meier??) ein, der s. Z. eine so beschränkte Rede am Grabe von Goethe's Schwester hielt. Und so geht es
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| anscheinend auch noch andern. Aber ich hoffe, es gibt genug von denen, die an diesem Bildchen Freude haben.
Gestern hatte ich einen frohen Tag, denn ich traf meine beiden Patienten in der Besserung. Aber bei Hanne H. ist es für mich doch nur eine sehr problematische Freude, denn die Arbeitsfähigkeit, auf die sie hofft, wird sie kaum erlangen. Augenblicklich handelt es sich um die Pekuniäre Frage, ob sie kündigen soll??
Eine Karte von Elisabeth Vetter-Knaps bekam ich so rasch nach dem Besuch, sie wird offenbar jetzt alt, denn sie wird sentimental! Sie wohnt in Stuttgart in einem Heim, Werastraße!?
Mit dem sonnigen Balkon ists auch ein sehr wechselndes Glück. Bisher täglich oder nächtlich ein Gewitter. Die bösen Atombomben?! Wir hatten auch früher solche schwülen Sommer. Ich erinnere mich nur an einen trocken, heißen, wie früher in der Mark.
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Deine Unterhaltung mit Schwester Maria hat für mich sehr gute Nachwirkung. Sie hat eine recht verträgliche Tonart mit mir. Das ist sehr wohltuend für das tägliche Leben.
Wann Hermann kommen wird, ist noch nicht zu sagen. Sie sind nun seit dem 2.6. in der Wohnung. Sonst höre ich wenig von außerhalb, besonders länger nichts von Berlin. – – Ob die Zeitung wirklich friedliche Nachricht verkündet, oder ob das nur eine neue Taktik ist? Ich lese sie sehr eifrig. Leider haben wir diesen Punkt nur sehr andeutungsweise gestreift, und ich hätte doch von Dir gern eine Orientierung gehabt! Hier ist niemand mehr dessen Urteil mir maßgeblich ist.
Das Brausen des Verkehrs in dieser "romantischen Stadt" läßt kaum in der Nacht für einige Stunden nach, und ich kann dem nun nicht
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| mehr in den Wald entfliehen. Da ist es gut, wenn ich was Gutes zu lesen habe. Und ich kehre immer wieder zu Deinem "Eigengeist der Volksschule" zurück und vergleiche damit meine sehr bruchstückweise Schulbildung. Da war eigentlich nur der Dr. Carell [über der Zeile] ?, der zum Denken anregte. Die Hauptsache kam von der Familie. Und dabei fällt mir dann ein, daß Paula Seitz, die hier an der Höheren Mädchenschule unterrichtete, sich beklagte, wie schlecht jetzt die geistige Grundlage jetzt sei, auf die man aufbauen soll. Schon damals!
Wie ist denn Dein Eindruck von den Mitgliedern im Seminar? Möchtest Du doch rechte Freude daran haben können.
Jetzt will ich ausgehen und diesen oft unterbrochnen Brief endlich in die Post bringen. Er bringt Dir die innigsten Grüße, und erwidert auch die mitgesandten herzlich.
Immer
Deine
Käthe.