Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13./14. Juni 1956 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg, 13. Juni. 56.
Mein geliebter Freund!
Ganz besonders möchte ich Dir danken, daß Du Dir in all der Unruhe doch die Zeit nahmst, an mich zu schreiben. Und da ist mir die größte Freude natürlich der rot unterstrichene Mittwoch d. 20.! – Nach längerer Ebbe war es bei mir auch mal wieder etwas lebhafter: am letzten Freitag, d. 8. kam – wendend auf eine Karte von mir – Frau Buttmi; dann Samstag Hedwig Mathy und am Montag kamen 4 Briefe, davon 2 Besuchsanzeigen: für Montag Frl. Ingold, für heut Renate Klauser, sonst noch längere Berichte von Mädi, wo es allmälig etwas besser geht, und von meiner Schwester, die natürlich sehr in Sorge stecken wegen ihrer Jüngsten und deren Kinder. – So tritt mir auch in meine
[2]
| weltferne Existenz das reale Leben mit seinen Schwierigkeiten nahe, ohne daß ich irgendwie helfen könnte! – Von den hiesigen "Patienten" kann man aber einen Fortschritt zum Besseren hoffen.
Alle Welt ist mit dem Wetter unzufrieden und munkelt von Atombomben! Aber was auch die Ursach ist, die Wetterempfindlichen leiden eben darunter! Da ist ja im ganzen eine Ablenkung angenehm, aber ich glaube doch, daß sie bei Dir etwas zu groß ist! Du hättest doch das Recht, ein Übermaß abzuwehren. Besonders bedaure ich, daß die beabsichtigte Erholung mit der Autofahrt so wenig reizvoll verlief. Auch da fehlte das sonnige Wetter.
Zuweilen will es mir scheinen, als gäbe es so etwas wie drahtlose Gedankenübertragung. Denn ohne irgend einen Anstoß von außen habe ich ganz vor kurzem an Ernst Löwenthal
[3]
| gedacht, an ihn als das erste Objekt Deines Strebens bildend zu wirken. Ich mußte mich auf den Namen doch etwas besinnen, aber die Situation war mir gegenwärtig. Ob das eine Gleichzeitigkeit mit dem Eintreffen der Todesanzeige bei Dir war?? Dann müßte ich wohl gerade einen hellen Moment gehabt haben. Im allgemeinen bin ich immer müde und im Einschlafen und jedes Vorhaben wird, wenn irgend möglich auf "morgen" verschoben.
Heut nachmittag war nun also Renate Klauser zum Kaffee bei mir, und berichtete von der großen Arbeit für die Ott-Heinrich-Ausstellung an der sie bis zuletzt die halbe Nacht mitgearbeitet hat. Es war dort in dem alten Bau auch die bauliche Erneuerung nicht fertig und die Handwerker tätig, während die Ausstellung aufgestellt wurde. Es ist immer recht nett mit dieser Renate, aber nicht das Geringste, was mich an meinen Freund und Vetter Ernst Schwalbe erinnert.
[4]
| Auch bei Héraucourt's sprachen wir neulich davon, daß man bei einer Ehe in der Familie in der Regel das neue Element recht kritisch betrachtet, weil es fremd ist. Hier ist es wohl besonders auch der Katholizismus, der mit der Frau von Ernst dominierend wurde, obgleich sie protestantisch getraut wurden.
Hier im Haus hatten wir heute wieder mal eine Andacht, die recht eindringlich, aber mir nicht in sich gelöst war. – Es war anschließend an den Besuch von Renate. – – Es nimmt eben jeder bei solcher Rede nur das auf, was für ihn gerade paßt. Und bei Dir (siehe: Umgang m. M.) ist immer ein solcher Gedankenreichtum, daß jeder damit zu tun hat. Es geht mir auch jetzt oft mit andern Büchern so, daß sie mir überraschende Neuheiten zu sagen haben. Es sind Einblicke ins reale Leben, die man gewonnen hat, und die man in andrer Form bestätigt findet. Ich denke dabei an die Tochter meiner Schwester, die sich beklagt, daheim
[5]
| zu lange nur als "Kind" behandelt zu sein. Und so ging sie in die Ehe, wurde Witwe und ganz bald in die zweite Ehe und wurde nach dem dritten Kind geschieden! Wo ist da eine Schuld?

14.6. Unsre Zeitung bringt heute einen Bericht der Reden von Hahn und Heisenberg. Das bestätigt eigentlich das Recht zur Beschwerde der Heidelberger Universität. Aber woher soll das Geld denn kommen? Und die Ansprüche wachsen auf allen Gebieten. –
Für wen hatte Dich Frau Gördeler denn gehalten? Sie hat offenbar nicht die Gabe, Physiognomie zu deuten, wie der Schreiber des schönen Briefes an Dich. – Also am Samstag wirst Du in Frankfurt sein. Wer ist Merton? Ich denke dabei an einen Villenbesitzer hier am Philosophenweg, der Geldgeber für die kunstgeschichtlichen Reisen von Schorschel Weise war. – Und dann kommt Bonn und die Sitzung des Pour le mérite, Köln
[6]
| und die Rückreise, hoffentlich über hier! Es wäre so hübsch, wenn es dazu käme, weil dann doch Susanne auch mal wieder hierher käme, denn unser Verkehr wird sonst garzu locker. Schriftlich reicht meine Kraft garnicht mehr als für das Laufende. Ich stecke immer in Schulden und bin nicht fähig, mich aufzuraffen. Neulich hatte ich mal wieder einen Stimmritzenkrampf, was recht abscheulich ist; aber ich bin jetzt gewarnt und kann gleich den Ansatz dazu bekämpfen. Dafür ist das Herz umso dauerhafter – in jeder Bedeutung! Aber mit Teilnahme höre ich von Frl. Lampert. — Nun noch viele, viele Grüße, auch an die "Andern" und innige Wünsche für Dein Ergehen in Befinden und Stimmung.
Deine
Käthe.