Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Juni 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25.6.56.
Mein geliebter Freund!
Eine stille Abendstunde ist mir noch zum Schreiben übrig, und da möchte ich Dir mit vielen treuen Wünschen meine innigsten Grüße schicken! Es ist kaum anzunehmen, daß der Himmel nun endlich Sommerwärme spendet, aber es werden viele warme Glückwünsche Dir die fehlende Sonnenwärme ersetzen. – Ich denke, sobald ich allein bin, noch so viel an die frohe Erwartung, mit der ich vom Wartesaal aus die ankommende Menge auf dem Steg, und durch die offne Tür die durchgeschleusten Leute kontrollieren konnte. Aber leider konnte ich ja nicht verhindern, daß dann die Sache nicht so behaglich und programmgemäß verlief, wie ich es Euch so gewünscht hätte. Nun will ich wenigstens versuchen auf dem Papier ein wenig von dem nachzuholen, was leider
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| ungefragt und ungesprochen blieb! Darum lege ich erstmal das nette Büchlein bei, das mir diese "nicht Hausmusik" so anschaulich nahe brachte und das mir sehr gefiel. Bülow, Weingartner, Furtwängler habe ich ja auch auf meine Art zu verstehen gesucht und ihre bildende Wirkung empfunden. Für mich ist freilich die Sprache der Musik nur Sache des Gefühls, wenn ich auch die mehr oder weniger vollkommene Wiedergabe erkenne, aber hier freute mich besonders einen Blick in das Zustandekommen solch erhebender Augenblicke zu tun. –  – Der Zeitungsausschnitt zeigt Dir, wie dürftig unser Blatt über Eure Wahl zum P. l. m. berichtet. Vielleicht ist man verstimmt, und findet daß der "Hiesige" berechtigter wäre. Mir sind weder die Gewählten noch dieser Herbert Graß bekannt. – Es wurde da neulich auch Nolde von Euch genannt. Den kenne ich schon seit Jahrzehnten, und erinnere mich besonders
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| an den tiefen Eindruck eines Bildes, das ich in Halle auf einer Ausstellung und in einem irgendwie gesonderten Raum sah, der extra zugänglich war. Es war ein Abendmahlsbild, garnicht idealisierte Typen, aber ein Christus, den man nicht vergißt, so einsam war er selbst im Kreise seiner Jünger.
Mit Sorge für Euren Afghanen las ich von dem starken Erdbeben seiner Heimat. Er hat hoffentlich persönlich gute Nachricht. – Was macht man denn mit solchem Riesenpelz? [über der Zeile] übrigens recht zeitgemäß!
Den Vortrag "unsres" Böckmann erwähnst Du, aber ohne jede Kritik. Hier sprach "Euer" Schadewaldt über das griechische Drama, dessen Verständnis [über der Zeile] bisher nicht zutreffend gewesen sei. Was er aber über den Chor und seine Bedeutung sagte, schien mir nicht zutreffend, denn bei den Aufführungen hier durch die Schüler des Altphilologen Dietrich oder Diederich?, der früh starb, hat mir gerade die schicksalsschwere Mahnung des Chors so großen Eindruck gemacht: "Wehe, wehe
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| doch das Gute siege!"
Inwiefern kann denn der Nervenarzt die Lebensformen für ärztliche Behandlung verwerten? Wie einleuchtend sie damals sofort wirkten, ging ja gleich aus den mancherlei Zuschriften aus allen möglichen Fachgebieten hervor, aber später wurde die Sache immer selbstverständlich angewendet ohne Nennung des Autors! –  –  – Jetzt ist nun also Hermann hier und wir gingen gleich heut vormittags in die Peterstraße. Es scheint ja die Sache in Gang zu kommen. Er bleibt noch einige Tage hier. – Von den beiden Patienten habe ich länger nichts gehört, aber Hedwig Mathy war heute während meiner Abwesenheit hier und hinterließ, daß sie morgen verreisen wird, also scheint es gut zu gehen bei der Nichte.
Und nun wünsche ich vor allem, daß es auch Dir gut ergehe, und daß all die vielen guten Wünsche, die Dich ins neue Lebensjahr begleiten, sich erfüllen möchten. Aber am innigsten und tiefsten sind die Wünsche
Deiner Käthe.

[li. Rand] Sage auch Susanne und Ida herzliche Grüße!