Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8./9. Juli 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg, 8. Juli 1956.
Mein geliebter Freund!
Nun ist schon eine volle Woche vergangen, seit ich mit recht zwiespältigen Gefühlen wieder mein stilles Leben genieße; und vorwärts gekommen ist inzwischen nichts. Jetzt vollends bei 20°R im Zimmer und 35° am Außenthermometer sehe ich recht trübe auf die Umzugspflichten der nächsten 2 Monate! Aber die Wärme, die meiner Untätigkeit gut tut, hat mir heut Vormittag auf dem Balkon sehr gefallen. Da überwiegt der Schatten bis zum Essen. — Wie magst Du den Tag heute verbringen? Hoffentlich mit einem Auto in luftiger Höhe, ohne "sportliche" Anstrengung. Auch für die Brief-Belastung hast Du wohl eine erträgliche Methode gefunden; aber 60 gedruckte Danksagen bei 200 empfangenen Postsachen ist recht wenig
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| Hilfe! Man könnte doch auf Verständnis für die besondere Lage rechnen und den sicher sehr warmen Text durch ein paar persönliche Worte ergänzen! –
Was hat der Dr. L. in Eßlingen Dir raten können? Hängt die jeweilige Verschlechterung nicht auch mit dem Atomstaub zusammen? Ich glaube das für mich zu beobachten.
Die Karte vom Hohenzollern ist noch meine tägliche Freude! Wie herrlich ist der Blick über die Landschaft bis in die Ferne. – Die Rohrbacher Volksschule macht eine Fahrt dorthin mit dem Autobus, und Frau Buttmi fragte, ob ich mitwolle? Aber dazu habe ich zwar große Lust, aber keinen Mut! Von Hedwig Mathy habe ich eine bildhübsche Karte vom Haslital, wo ich s. Z. mit Tanting war und wobei sie mir auf der Rückfahrt in Basel ohnmächtig wurde! Aber der entzückte Bericht jetzt von Hedwig machte mich richtig sehnsüchtig. Da halte ich mich lieber an schöne Erinnerungen aus meinem langen Leben. Auch die musikalischen
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| Erlebnisse mit den Berliner Philharmonikern werden bei [über der Zeile] mir noch viel seltener gewesen sein als bei Dir. Aber gerade weil sie selten waren, blieben sie umso eindrucksvoller. Kunstverständig war ich nicht im geringsten. Trotz der Klavierstunden hatte ich garkeine fachkundige Anleitung, sondern alles blieb Gefühl und jeweils Verständnis für die Sprache der Töne. So erlebte ich z. B. einmal einen Abend, an dem Bülow begeistert gefeiert wurde. – Es war ja von Pankow aus schon immer an sich ein besonderes Unternehmen und ich glaube, ich könnte die wenigen Male noch aufzählen. Mein Vater starb doch, wie ich 17 Jahre alt war und dann hörte doch lange alles auf, und ich ertrug überhaupt keine Musik. —
Es ist ein rechtes Stückwerk mit dem Schreiben. Erst unterbrach mich Frl. Specht aus Rohrbach, die Schwester von dem Theologen [über der Zeile] ? in Leipzig, der mit Familie in der Bombenzeit verschüttet wurde. Und jetzt, wo ich auf dem Balkon weiter geschrieben habe, wird es zu dunkel. Ich will nur noch warten, bis der erste Stern sichtbar wird. Die Dämmerung ist jetzt immer sehr lange dunstig, und der Himmel nicht klar.
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Nun ist es allmälig ½10 geworden, aber ich möchte doch rasch noch fertigschreiben. Fertig bin ich freilich niemals, denn im geeigneten Moment fällt mir das Wichtige doch nicht ein, z. B. Stand jetzt das Buch "Goldene Frucht" schon lange in der Obhut der Schwester Maria, mit Adresse für Boten von Quelle u. Meyer, ist aber nicht abgeholt. Ich habe jetzt noch mehrere Packete zu machen, so möchte ich es gern auch jetzt zurückschicken. Es ist doch immer jemand bei Euch, der es annimmt Deiner übrigen Post wegen. —
Ich stehe eigentlich immer sehr unter dem Eindruck dieser apokalyptischen Zeit. Und die Episode mit Herm, hat da kein Gegengewicht gegeben. Es war ein so völliger Mangel an Einverständnis, daß es mich sehr deprimiert hat und dabei eine Art Schuldgefühl zurückblieb. — Ich habe mich möglichst beherrscht, aber ich bin doch sehr froh, daß diese Angelegenheit jetzt vorüber ist, und der Transport weg.

9.VII. Nun also nach zu viel Sonne wieder ein wolkiger Tag. Möchtest Du doch die neue Woche recht erleichtert und mit übersichtlichem Programm antreten können. Meine ständigen Wünsche sind bei Dir und grüßen Dich innig, und herzlichen Gruß auch "den Andern!" <li. Rand> Schwester Maria geht in Urlaub, Frau Henny war 3 Wochen fort, so <Kopf> ist es dauernd ungemütlich! Aber ich genieße doch die stille Zuflucht von Zimmer u. Balkon! Deine Käthe.