Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. Juli 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg, 15. Juli 1956.
Mein geliebter Freund!

Eigentlich hätte Dich mein Gruß heut erreichen sollen, aber der Freitag nachmittag verlief mir so ferienmäßig geruhsam auf dem Balkon bei Franzens, daß darüber die Schreibezeit ungenutzt verstrich. Überhaupt wurde mir das Schreiben so schwer, wenn auch der Wunsch nach Mitteilung immer besteht. Im Grunde ist zwar nichts "mitzuteilen", sondern eigentlich immer irgend eine Frage, die ich gern von Dir beantwortet hätte. Am wichtigsten ist mir da allerdings der Wunsch zu hören, was für ein Resultat Dir der Besuch bei Prof. Harms gab? Und noch wichtiger, wie steht es für Dein Empfinden mit den Augen? Ist die Entzündung mehr äußerlich, durch Staub
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| und Erkältung? Dieser angebliche Sommer ist ja ein wahres Gift für nervöse Menschen.
Ich habe jetzt die Depression nach Hermanns Hiersein einigermaßen überwunden. Es war wohl bei mir eine große Nervosität vorhanden, so daß ich recht ungeduldig und reizbar war, was mich natürlich hinterher reute. –
Hier im Hause war es nicht sehr gemütlich, durch Urlaub der Frau Henni, deren Vertretung recht ungenügend war. Und jetzt ist Schwester Maria fort, aber der Ersatz ist ganz erfreulich. Bei meinem letzten Besuch bei Héraucourt's war Hanne recht mißgestimmt, sie hat wieder mehr Schmerzen. Zu meinem Bedauern habe ich da mehr recht mit der Beurteilung. Es scheint doch ein langsames Hinsiechen zu sein. – Da war es in jeder Beziehung eine Wohltat, den Nachmittag mit Mutter u. Tochter Franz zu verbringen. Das Wetter war schwül, aber es kam ein leichter Nordwind, die Lage des Balkons
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| gegen den Heiligenberg im Schatten des Hauses, der Blick über Gärten bis an den waldigen Bergabhang – eine wundervolle Stille und liebenswürdige Unterhaltung! Frl. Gretel darf bereits wieder einige Stunden im Hause geben; sie muß nur hie und da zur [über der Zeile] ärztlichen Controlle kommen.
Heut ist wieder die drohende Schwüle vorbeigegangen und die Sonne hat gesiegt. Aber auf meinem Balkon ist sie zu kräftig und der beständige Lärm betäubt.
Ich lese viel, habe mal wieder Gustav Freitag, Lebenserinnerungen ergriffen und darin mit Freude einige wohlbekannte Häkchen gefunden. Beim Zeitunglesen schneide ich immer dies und jenes heraus, um Dirs zu schicken um Dein Urteil zu hören – aber dann belästige ich Dich doch lieber nicht! Nur fragen möchte ich wenigstens: wie denkst Du über das Altbadische Volksbegehren? Und über die Beschwerde der Heidelberger Universität? Ganz zufällig traf ich mit dem Studentenumzug an der Ecke Geisbergstraße–Anlage zusammen. Das
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| Ganze erinnerte mich an Fastnacht.
Immer von neuem hoffe ich, daß mir etwas mehr Arbeitsenergie kommt. Aber sie verdunstet immer gleich wieder, wenn auch solch schöner Tag wie der vorige Freitag ein wenig nachwirkt. Erinnerst Du Dich noch daran, wie wir damals nach dem ersten Krieg im Riehlschen Garten über die Prophezeiung eines Geologen sprachen, der eine Kette von Katastrophen voraussagte: materielle und geistige; und wie man dachte, die hätten wir ja gerade gehabt! Und jetzt? Ist eigentlich die Welt immer nur im Schlechterwerden begriffen?! Haben wir es nicht auch anders erlebt?
Aber ohne Kampf geht es nie; auch mit sich selbst. Das habe ich wieder recht deutlich erfahren. Doch zwischen uns soll Einigkeit sein, drum will ich dies jetzt noch abschicken und Dich in treuer Liebe grüßen. Schone Dich so sehr es irgend möglich ist und mache wirklich Ferien. Was war das für ein kleiner Kreis in Nürtingen? – Ich grüße alle im "nächsten" Kreise und bin immer
Deine Käthe.