Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18./19. Juli 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg, 18. Juli 1956.
Mein geliebter Freund!
Trotz aller guten Vorsätze, still zu warten, habe ich jetzt doch eine rechte Sehnsucht, mal wieder von Dir zu hören. Was hast Du bei Prof. Harms erreicht? Und wie steht es mit dem Subjektivbefinden? Die heftigen Wetterwechsel scheinen ja etwas nachzulassen, und auch bei mir kommt das Gleichgewicht wieder mehr in Ordnung. – Etwas hoffe ich von dem Wechsel, der mir Mitte September bevorsteht, nämlich etwas äußere Ruhe; der Lärm, die Unruhe, der beständige Kampf der Autos, der mit dem Reiseverkehr der Ferien wächst, ist betäubend. Man macht am liebsten die Balkontür zu und ich habe doch so gern freie Luft! – Ich hoffe aber nun auch
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| endlich mal etwas aktiver zu werden, habe vorhin mit viel Umstand und unnötig viel Papier das interessante Buch von Guthmann verpackt, und will jetzt nur noch ein paar Zeilen einlegen, ehe ichs morgen zur Post bringe. Für mein Gefühl bleibt es nun einmal unbegreiflich, wie in diesem Menschen das ästhetische Schwelgen dann so ins religiöse umschlagen kann! Aber es wäre interessant, wie er sich über Troeltsch äußern wird!
Ich habe hier meine Freude, von Deinen kleinen Zeitungsaufsätzen bei Héraucourt's vorzulesen. Auch die Mutter nimmt verständnisvoll teil und für Hanne ist es eine Hilfe in den vielen untätigen und oft schmerzvollen Stunden. – Dabei fällt mir aber immer ein, daß Du mir versprochen hattest, das zurückgeforderte Manuskript der Ansprache bei der
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| Akademie für Dichtung und Sprache mir wieder zu schicken. Wenn das möglich wäre, würde es mich sehr freuen, denn der Ton heiterer Überlegenheit gefiel mir so besonders!
Was habt Ihr am Sonntag vorgehabt? Von dem feiertäglich schönen Freitag bei Franz'ens schrieb ich wohl. Sonst hatte weiter niemand Zeit, sich um mich zu kümmern. Aber in der vorigen Woche kam Frl. Dr. Clauß mit ihrer Adoptivtochter: Dr. Ingeborg Clauß-Ahles, die jetzt ihre Praxis übernimmt und überlieferte mich ihr. Heut habe ich auf der Kasse den Schein ausstellen lassen und der Nachfolgerin hingebracht, die ausgerechnet während der Zeit hier im Haus war. Ich hoffe, daß der Tausch günstig ist.
Als es neulich bei mir ziemlich unordentlich war, kam Frau Heinrich, mit der der Verkehr sich entschieden warm und freundlich gestaltet hat. Vorgestern war ich in Rohrbach, um ihr nachträglich zum Geburtstag zu gratulieren.
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Aber sonst bringe ich viel Zeit auf meinem geliebten Lehnstuhl zu, angeblich lesend! Aber mehrfach wachte ich erstaunt auf und der arme Band (Lebenserinnerungen von Freitag) lag auf der Erde!! – Solch unberechenbare Zwischenfälle geben mir natürlich ein Gefühl der Unsicherheit, besonders bei unerwarteten fremderen Besuchen. Das scheint mir auch Deine Ansicht zu sein. Denn Du erwogst einmal, daß Dein Freund, Dr. Bähr, mich auf der Fahrt zu seinen Eltern besuchen könnte. Wie sehr es mich freuen würde, einen Eindruck von diesem Manne zu gewinnen, brauche ich ja nicht zu sagen. Aber es verlautet nie mehr etwas davon, denn vermutlich könnte eine Anmeldung, die für mich jederzeit bestimmend sein würde, nicht stattfinden?

19.7. Statt dessen kommt heute die freundliche Ärztin,
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| die ich gestern nicht antraf, und ließ sich von mir berichten: Blutdruck normal, 160 –, verordnet wurde nichts, nur Traubenzucker empfohlen, Kaffee wie bisher nach Belieben zugelassen. – Sie war noch nicht lange fort, wird mir eine Fürsorgerin gemeldet, die mich fragt, ob ich pflegebedürftig wäre?! Ich habe mich entschieden gewehrt. Ich brauche nicht mehr Pflege, als man normalerweise hier hat, und in dem neuen Hause soll das noch besser damit sein bei eventueller Erkrankung. Wie es scheint, wird man förmlich überwältigt mit "Fürsorge".
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Für heute nun will ich aber das Päckchen befördern und hoffe, daß es heil ankommt. Der Tag ist wieder schwül von früh an, und bewölkt mit Niederschlag. In der Nacht war nach 11 Uhr ein Donnerschlag, ganz unvermittelt wie eine Bombe mit Explosionen – aber ohne Folgen. Doch bleibt die Luft ermüdend.
Wie sehr wünsche ich, daß es Dir stimmungsmäßig erfreulicher geht. Ich habe die Nachwirkung der Möbelaffäre schwer überwunden. Vielleicht kann ich in nicht zu ferner Zeit Dir mal davon erzählen! Ich schicke viele herzliche Grüße zu entsprechender Verteilung und bin immer mit liebevollen Gedanken
Deine Käthe.